Organisationssoziologin im Interview

Dr. Ute Symanski: "Nur das Fahrrad kann die Städte retten"

Die Organisationssoziologin Dr. Ute Symanski hat den Kölner Kongress Radkomm und die Volksinitiative Aufbruch Fahrrad NRW mitinitiiert und geprägt. Sie sieht die Politik in der Verantwortung im Hinblick auf nötige infrastrukturelle Veränderungen. Die Menschen seien längst so weit.

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Rad macht Stadt – Ute Symanski meint, der Verkehr müsse nicht in erster Linie fließen, wie es die sogenannten Autoblinden fordern, sondern sicher sein.

Frau Dr. Symanski, wie kommt man als Soziologin zum Thema Radverkehr?
Aus soziologischer Sicht interessiert mich, wie Menschen in Gruppen und Gemeinschaften zusammenleben. In der Praxis sehen wir, wie sich Bevölkerungsgruppen zunehmend abkapseln. Das ist ein Problem, das auch durch die Stadt- und Verkehrsplanung verursacht wird.
Der Verkehr ist mitschuldig an sozialen Problemen?
Wir wissen aus der Soziologie, dass das einzige Mittel, das gegen Abkapselung von Gruppen hilft, der Kontakt ist zwischen den Gruppen und den Menschen. Man muss Kommunikation ermöglichen. Wenn ich das mehr zusammen - führen will, dann muss ich dafür im direkten Umfeld auch Begegnungsräume schaffen.
Was verstehen Sie unter dem Bedarf an mehr Begegnungsräumen?
Wenn wir eine lebendige Demokratie haben wollen ohne Ängste vor anderen Menschen, dann brauchen wir dringend Begegnungsräume. Einkaufsstraßen in den Stadtvierteln oder grüne Sitzgelegenheiten in den Nachbarschaften sind dafür beispielsweise prädestiniert, denn hier kommen alle Menschen zusammen.
Funktionieren unsere Städte und Stadtviertel in der Praxis nicht?
Wenn man sich den öffentlichen Raum ansieht, fällt der Blick sofort auf die Verteilung: 70 Prozent des Straßenraums sind für Autos; Straßen sind für Autos geplant. Da ist es klar, dass ein Austausch hier überhaupt nicht mehr stattfinden kann. Vor diesem Hintergrund ist es eigentlich ein Wunder, dass Städte trotzdem noch einigermaßen funktionieren.
Hat man die Menschen vergessen?
Als Soziologin arbeite ich auch in Kommunen. Was ich erlebe, ist, dass Stadtplanung und Verkehrsplanung die Stadt nur noch als Funktionsraum betrachten und denken. Die Funktion, Menschen zusammenzubringen, den Austausch und das Gespräch zwischen Menschen zu ermöglichen, das wird überhaupt nicht mitgedacht. Eine fatale Entwicklung.
Wie wirkt die autogerechte Planung auf die Menschen?
Es gibt viele Studien, die zeigen, wie der Autoverkehr bestehende Nachbarschaften zerstört, weil er natürlich gefährlich ist. Durch den überbordenden Autoverkehr werden die Menschen in ihre verbleibenden privaten Räume, in die Wohnungen und auf die Balkone gedrängt. Die Straße hat ihre ursprüngliche Funktion als Begegnungs- und Bewegungsraum längst verloren.

Dr. Ute Symanski: "Politikerinnen und Politiker reagieren nicht, weil sie Angst haben, nicht wiedergewählt zu werden.

Aber es gibt ja noch Bürgersteige, Spielstraßen und Spielplätze.
In meiner Heimatstadt Köln werden in den Vierteln zwar Spielstraßen ausgeschildert. Fakt ist aber, dass auch hier alles zugeparkt wird und kein Kind oder Elternteil auf die Idee kommt, den Raum wirklich als Spielfläche zu nutzen – auch wegen der Gefahr, ein Auto zu beschädigen. Auch die Bürgersteige sind längst keine Gehwege mehr, sondern Parkwege.
Wie erleben Kinder die Stadt?
Noch in den 1970er-Jahren gab es ruhige Seitenstraßen zum Spielen oder autofreie Sonntage. Heute sperren wir unsere Kinder ein und führen sie an der Hand zu einem Ort, den wir als Spielplatz definieren und wo die Kinder sich frei bewegen dürfen. Das kann man kaum verstehen, wenn man nicht daran gewöhnt ist.
Kommen wir zum Fahrrad. Was kann sich damit verbessern?
Das Fahrrad ist das einzige Verkehrsmittel, dass die Stadt schnell und kostengünstig vor schlechter Luft, Stau, Verkehrschaos und Verkehrstoten bewahren und alle Mobilitätsprobleme verantworten kann. Meine persönliche Überzeugung ist, dass nur das Fahrrad die Städte retten kann.
Warum sollte ausgerechnet das Fahrrad die Städte retten?
Das Fahrrad ist als Verkehrsmittel sozial gerecht. Fast alle Haushalte haben mindestens eines Verfügung. Mit dem Rad kann man in der Stadt zudem gängige Distanzen von fünf Kilometern sehr leicht zurücklegen, man ist praktisch immer schneller als mit dem Auto, und es gibt weit weniger Platzbedarf beim Parken. Mit einfachen Maßnahmen kann man zudem mit minimalen Kosten in kürzester Zeit ein umfassendes Radwegenetz einrichten.
Wenn das alles so einfach ist, warum wird es dann nicht gemacht?
Aus meiner Sicht gibt es dafür zwei Gründe: zum einen eine gewachsene Autoblindheit. Die Verantwortlichen in der Politik und der Verwaltung, aber auch Teile der Gesellschaft haben sich einfach an die Zustände gewöhnt. Kinder können beispielsweise nicht mehr Rad fahren üben, weil es zu gefährlich ist und eine Schramme in ein Auto gemacht werden könnte. Und versuchen Sie mal, ein Lastenrad auf einem Parkplatz abzustellen, da kochen viele Autofahrende. Aber warum eigentlich?
Welchen weiteren Grund gibt es neben Autoblindheit für den Stillstand?
Einen Stillstand haben wir ja gar nicht, denn jedes Jahr verzeichnen wir mehr Pkw-Zulassungen. Inzwischen wird wirklich jeder Fleck zugeparkt, der nicht abgepollert ist. Zur Frage: Ich sehe ein krasses Verantwortungsdefizit in der Politik auf allen Ebenen. In meiner Heimatstadt Köln wird zum Beispiel überhaupt kein ernsthafter Versuch gemacht, die Menschen für Veränderungen zu gewinnen oder dazu einzuladen.

Dr. Ute Symanski ist Organisationssoziologin, -beraterin und politische Aktivistin. Sie hat sowohl den Mobilitäts-Kongress RADKOMM als auch die Volksinitiative Aufbruch Fahrrad in NordrheinWestfalen mitinitiiert und geprägt. Als Vertrauensperson der NRWLandesregierung begleitet sie den Prozess hin zum ersten Fahrradgesetz in einem Flächenland. Die menschenfokussierte Gestaltung des öffentlichen Raums ist für sie eine Voraussetzung für eine lebendige Demokratie. Das Fahrrad und das RADKOMM-Lastenrad sind für sie seit Jahren selbstverständliche Transportmittel.

Was macht das mit den Einwohnern?
Menschen im Rollstuhl oder mit einem Rollator können kaum hundert Meter zum nächsten Laden fahren, weil Wege zugeparkt und abgesenkte Bürgersteige blockiert werden. In einer älter werdenden Gesellschaft ist das eine schlechte Entwicklung, die Menschen extrem einschränkt.
Wollen die Menschen denn eine Veränderung?
Die Politik versteckt sich gern hinter der Behauptung, dass die Menschen das nicht wollten. Mit der Unterschriftensammlung der Volksinitiative Aufbruch Fahrrad für mehr und sicheren Radverkehr haben wir in Nordrhein-Westfalen das Gegenteil bewiesen. 66.000 Unterschriften mussten wir sammeln, 100.000 haben wir uns als Ziel gesetzt, 207.000 sind es letztlich geworden.
Was haben Sie mit den vielen Unterschriften in NRW erreicht?
Es soll im ersten Flächenland bald ein Radgesetz geben. Das ist ein großer Erfolg. Aber es muss sich auch mehr in den Kommunen tun. Beim Sammeln der Unterschriften für Aufbruch Fahrrad haben uns unfassbar viele Menschen gesagt, dass es so nicht mehr weitergehen kann und wir dringend Veränderungen brauchen.
Sie haben sich in der Corona-Krise ja sehr kritisch zur Politik geäußert.
Fakt ist, die Politik reagiert nun mal nicht. Wahrscheinlich, weil Politikerinnen und Politiker Angst haben, sie würden dann nicht wiedergewählt. Dabei zeigen Beispiele aus anderen Städten, wie aktuell Paris mit der Bürgermeisterin Anne Hidalgo, dass die Menschen anders leben wollen. Auch in Hannover ist kürzlich ein Oberbürgermeister mit dem Programm einer autofreien Innenstadt gewählt worden.
Mutet man Menschen mit autofreien Konzepten nicht zu viel zu?
Die Politik hat die Aufgabe, den Menschen zu erklären, dass weniger Autos und eine verantwortungsvolle Nutzung besser für die Gemeinschaft sind. Natürlich gibt es Menschen, die das Auto wirklich brauchen, keine Frage, und die sollen es auch fahren. Wenn nur noch Menschen das Auto nutzen, die es wirklich brauchen, und wenn wir Carsharing nutzen, kommen wir mit zehn Prozent der privaten Pkw aus.
Brauchen wir einen Perspektivwechsel?
Aus meiner Sicht auf jeden Fall. Und wir müssen die Diskussion, die mich oft an die Waffengesetze in den USA erinnert, mit Abstand betrachten und ganz rational fragen: Ist das so, wie es ist, sinnvoll für den Einzelnen oder die Gemeinschaft? Ist das gefährlich? Gibt es mehr Todesfälle und mehr Schwerverletzte? Wir schauen beim Thema Schusswaffenbesitz verwundert auf die USA und empfinden es gleichzeitig als enorme Beschneidung der Persönlichkeitsrechte, wenn es bei uns ums Auto geht. Da sehe ich viele Parallelen. Andere Länder bekommen das deutlich besser hin.
Sie sind seit rund zehn Jahren als Aktivistin mit dem Thema beschäftigt. Was treibt Sie weiter an?
Wer die Autoblindheit einmal überwunden hat, geht mit ganz anderen Augen durch die Stadt und die Welt und denkt sich: Das kann alles nicht wahr sein. Ich kann das schwer aushalten, weil ich glaube, dass wir mit dem öffentlichen Raum angesichts von fehlenden Begegnungsräumen, Bewegungsmangel und der fortschreitenden Klimaerhitzung tausendmal bessere Dinge tun könnten, als das jetzt der Fall ist.
Interview: Reiner Kolberg

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