Gefährliches Geschäft

Diese Gefahren drohen beim Tuning von E-Bike-Motoren

Das Tunen von Pedelec-Motoren gilt immer noch als Bagatelldelikt. Dabei wird ignoriert, dass im Falle einer illegalen Motor-Manipulation der Verlust der Haftpflichtversicherung und strafrechtliche Konsequenzen für den Fahrzeugführer drohen.

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Die Polizei ist auf der Hut. Wer mit dem Pedelec schneller als erlaubt fährt, muss mit Kontrollen rechnen. Das Rad kann eingezogen werden

Seit mehr als fünf Jahren fährt Erwin Lorenzo (Name geändert) nun schon ein getuntes Pedelec. Rein äußerlich sieht man dem schmucken Stadtrad, das mit seinem Frontkorb und den 20-Zoll-Reifen unschuldig daherkommt, die gewaltige Motorpower nicht an, die unter der rot-pinken Haube steckt. Auf der Straße kann das Bike aber locker mit Speed-Pedelecs mithalten, denn der Bosch-Active-Line-Motor, eher bekannt für gemächliches Dahingleiten, treibt Lorenzos Stadtrad im Dauerbetrieb auf 35 Stundenkilometer und darüber hinaus. Das Umschalten auf Höchstgeschwindigkeit geht ganz einfach per Tastendruck. „Ein Klick auf den Lichtschalter, dann erscheint ein Hinweis auf dem Display, und die entdrosselte Fahrt kann starten“, freut sich Lorenzo.
Das Frisieren des Motors hat er während eines Urlaubs in Italien durchführen lassen. „Das hat keine zehn Minuten gedauert, der Tuner hat ein Dongle angeschlossen, dann musste ich noch eine App auf meinem Smartphone installieren, fertig war das Tuning.“ Er kommt mit dem Anbieter ins Plaudern, erfährt, dass dieser vorher beim IT-Unternehmen IBM gearbeitet hat und ein echter Software-Profi ist. Ein Restzweifel fährt bei Lorenzo aber mit. Nach seiner Rückkehr in Deutschland sucht er einen befreundeten Radmechatroniker auf. Dieser liest die Software aus, kann das Tuning aber nicht erkennen.

Pedelec-Norm EN 15194: Kampf gegen Tuning

Ein halbes Jahrzehnt ist seit Lorenzos Werkstatt-Check vergangen, sehr viel hat sich in dieser Zeit bei Pedelec-Antrieben getan, die Motor-Manipulation geht längst nicht mehr so einfach wie damals, und in der Pedelec-Norm EN 15194 ist der Kampf gegen Tuning seit 2019 gesetzlich verankert mit der Folge, dass Bosch-Antriebe der vierten Generation bei illegalem Tuning in den Notlaufbetrieb schalten.
Natürlich sind auch die Tuner gewiefter geworden. Von „Balance of Power“ spricht daher der Geschäftsleiter von Bosch eBike Systems, Claus Fleischer. Beim deutschen Marktführer für E-Bike-Antriebe ist Tuning längst zur Chefsache geworden. Dort wolle man es den Tunern so schwer wie möglich machen, damit letztlich nur wenige übrig blieben. Für Fleischer ist die gesamte Branche gefordert – für den Manager steht die Freiheit des Fahrrads auf dem Spiel.

Die Rechtslage ist eindeutig: Wem das Pedelec bis 25 km/h zu langsam ist, der sollte aufs Speed-Pedelec umsatteln.

Schätzungsweise 15 Prozent aller E-Bikes sind manipuliert

In der breiten Masse wird das Thema Tuning eher stiefmütterlich behandelt. Eine Minderheit tut es, die anderen interessieren sich dann dafür, wenn mal wieder ein Tuner prominent durch die Polizeikontrolle rasselt. In Erlangen fiel etwa das zu schnelle E-Bike eines 28-Jährigen im März dieses Jahres auf, das bei der Überprüfung eine Tacho-Höchstgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern anzeigte. Das E-Bike wurde aus dem Verkehr gezogen, gegen den Tuner läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis, zudem muss er sich für wegen eines Verstoßes gegen das Pflichtversicherungsgesetz verantworten.
Solche Extreme sind die Spitze des Eisbergs. Niemand weiß exakt, wie groß das Problem wirklich ist. Experten rechnen auf Grundlage von Umfragen und Schätzungen mit zehn bis 15 Prozent getunter Pedelecs auf deutschen Radwegen.
Bei Beispielen wie dem aus Erlangen winkt auch Lorenzo sofort ab. Nicht immer fahre er mit voller Geschwindigkeit, viele Straßenbegebenheiten ließen das gar nicht zu. „Die 500 Meter zur Hauptstraße rolle ich auf dem Radweg bei normaler Unterstützung, erst danach gebe ich die volle Leistung frei und fahre mit 35 Stundenkilometern zum Semmelholen in den nächsten Ort.“ Klingt nicht nach einem verantwortungslosen Raser, der andere in Gefahr bringt. Er schlägt ernste Töne an: „Verkehrstechnisch fühle ich mich sogar sicherer, wenn ich im Verkehrsfluss bin, anstatt von Autofahrern zu Tode gehupt zu werden.“
Auch die Unfallstatistik trifft so gut wie keine Aussagen, wie häufig Tuner in Unfälle wirklich verwickelt sind. Auf Nachfrage teilte die Polizei Hamburg mit, dass „die im Rahmen des täglichen Dienstes festgestellten Einzelfälle des E-Bike-Tunings aktuell kein Problemfeld darstellen“. Überdies lägen derzeit auch keine Erkenntnisse vor, dass Tuner häufiger in Pedelec-Unfälle verwickelt wären.

Verstoß gegen das Pflichtversicherungsgesetz ist eine Straftat

Auch wenn auf deutschen Radwegen das Tuning-Chaos noch nicht ausgebrochen ist, die Rechtslage ist beim Fahren von frisierten Bikes eindeutig. Ein E-Bike, dessen Motor das Rad wie jenes von Lorenzo auf mehr als die zulässigen 25 Stundenkilometer – inklusive Toleranzbereich – beschleunigt, gilt laut Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung als Kraftfahrzeug und verliert die gesetzliche Gleichstellung zum Fahrrad. Daraus ergeben sich im Straßenverkehr Auflagen wie Helm- und Führerscheinpflicht oder eine Fahrzeug-Betriebserlaubnis. Und noch ein Punkt wird häufig übersehen: Das Pflichtversicherungsgesetz verlangt für Kraftfahrzeuge eine spezielle Haftpflichtversicherung. Ein Verstoß gegen diese Vorschrift ist eine Straftat. Es drohen hohe Geldstrafen oder sechs Monate Gefängnis.
Tuner riskieren für fünf oder zehn Stundenkilometer mehr auf dem Tacho zudem ihren finanziellen Ruin. Im Falle eines Unfalls können Opfer ihren Schaden nämlich direkt beim Unfallverursacher geltend machen. Bei erheblichen Personenschäden oder Sachschäden können das Millionen werden. Die finanzielle Existenz wäre schlagartig zerstört. All das für ein bisschen Fahrspaß?

Mit Tuning-Boxen wie dieser lässt sich die Pedelec-Geschwindigkeit im Handumdrehen verdoppeln.

Dongle & Co.: Das Tunen von E-Bike-Motoren ist kinderleicht

Bei Bosch fragt man sich längst, warum es Tuninganbietern so leicht gemacht wird. Wer sein Bike frisieren will, landet mit ein paar Klicks bei einschlägigen Anbietern im Netz. Dort genügt ein kurzer Hinweis durch die Anbieter, dass der Betrieb der Tuningkits im Straßenverkehr unzulässig ist, schon können Chips und Dongles für zirka 100 bis 200 Euro in Umlauf gebracht und von Pedelec-Besitzern installiert werden. Das Tuning ist per se in Deutschland nicht illegal, das Fahren eines frisierten Fahrzeugs auf Privatgelände sogar zugelassen. Dabei bleibt es natürlich meist nicht. Darum greift man in Frankreich härter durch, wo seit diesem Jahr nicht nur Tuner, sondern auch Tuninganbieter mit Geldstrafen belangt werden. In Deutschland haben die Tuningkit-Anbieter immer noch freie Hand.

Tuning – eine Frage der Haltung

Das Fahren mit frisierten Fahrrädern ist nicht nur keine besonders kluge Idee aufgrund der finanziellen Risiken, genauso wenig handelt es sich dabei um ein Kavaliersdelikt. Radler streben – zu Recht! – nach Gleichberechtigung im Straßenverkehr, dazu gehört auch die Beachtung der Rechtslage. Das beginnt beim Halten vor einer roten Ampel und endet beim Tuning. Heißt beim Pedelec: Wer schneller fahren will, kann das nur aus eigener Muskelkraft tun oder muss aufs Speed-Pedelec umsatteln.
Erwischt wurde Erwin Lorenzo bis heute nicht. War es Glück, Zufall oder lag es an seiner relativ vernünftigen und vorausschauenden Fahrweise? Fakt ist: Solche Motive interessieren den Gesetzgeber nicht. Wer sein Pedelec tunt oder tunen lässt und damit im Straßenverkehr unterwegs ist, bricht vorsätzlich geltendes Recht, unabhängig davon, wie nachvollziehbar die Gründe im Einzelfall auch sein mögen, wie rückständig die Rechtslage ist oder wie miserabel die Radwege sind. Und wer tunt, ändert auch nichts an den letzten beiden Ärgernissen. Nein, ganz im Gegenteil.
Daniel Eilers

von Daniel Eilers

Daniel Eilers ist Redakteur bei BIKE BILD. Räder sind für ihn zweierlei: das perfekte Sportgerät und klügste Fortbewegungsmittel unserer Zeit.