Keine Angst vorm Pedelec

Gute Gründe fürs E-Bike-Fahren

Dass E-Bikes (auch Pedelecs genannt) nur etwas für ältere und unsportliche Fahrer sind, ist Unfug und schlichtweg falsch. Unser Autor findet genug gute Gründe, um jetzt aufs E-Bike zu steigen. Lassen Sie sich überzeugen!

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Autor Reiner Kolberg hat seine ersten Erfahrungen mit E-Bikes im Gebirge gemacht. Heute ist er nicht nur E-Bike-Fan, sondern auch -Fachmann.

Gefühlt sind E-Bikes inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aber, Hand aufs Herz, immer noch hält sich der Mythos, E-Bike-Fahrer seien bequem oder alt. Und wer will schon gern zum bedingt sportlichen und eher langweiligen Durchschnitt gehören? Als innerlich noch junger Autor dieser Zeilen gebe ich gerne zu: Auch ich habe anfangs mit dem Thema gefremdelt. Was natürlich nicht nur der Technik und dem Design der ersten E-Bikes geschuldet war, sondern vor allem auch ihrem Image. „Du musst unbedingt mal im Gebirge fahren“, ermahnte mich dann vor Jahren der Chef des Schweizer Elektrorad-Pioniers Flyer. „Da kannst du das Potenzial von E-Bikes wirklich erfassen.“

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Gesagt, getan – in Galtür und Ischgl, also in Regionen mit wirklich „sakrisch steilen“ Abschnitten, die ich vom Skifahren gut kenne. Und genau deswegen hätte ich mich an sie auch niemals mit einem normalen Rad herangetraut. Nach den ersten E-Bike-Erfahrungen mit sagenhaften Ausblicken war das Eis aber im Nu gebrochen. Heute bin ich ein bekennender Fan, der das E-Bike gerne jedes Mal neu entdeckt – im Urlaub und am Wochenende, aber immer öfter auch im Alltag.

„Inzwischen sitze ich zu 70 bis 80 Prozent meiner Radzeit auf dem E-Bike.“

Mike Kluge, mehrfacher Deutscher Meister und Weltmeister im Cyclocross

Auch Rad-Profis lieben E-Bikes

E-Bikes sind langweilig? Dazu passt so gar nicht ins Bild, dass sogar eine Sportskanone wie der dreifache Cyclecross-Weltmeister und Mountainbike-Spezialist Mike Kluge immer öfter zu der motorisierten Variante seiner Fahrräder greift. „Inzwischen sitze ich zu 70 bis 80 Prozent meiner Radzeit auf dem E-Bike“, erklärt uns der mehrfache Deutsche Meister, Weltmeister und Weltcup-Sieger aus Denzlingen (Baden-Württemberg) freimütig. „Mich persönlich bringen E-Bikes eher und mehr aufs Rad. Es gibt weniger Hinderungsgründe, zum Beispiel Anstiege auf dem Rückweg meiner Tour, auf die ich einfach keine Lust mehr habe, wenn ich ausgepowert bin. Damit habe ich einen hohen Motivationsfaktor.“
Neben dem Reichweitenplus steht für ihn vor allem mehr Vielfalt bei der Tourenplanung im Vordergrund: „Mit dem E-Bike fahre ich auch extrem steile Anstiege, die ich selbst zu Profizeiten nicht mit einem herkömmlichen Fahrrad geschafft hätte.“ Fehlender Trainingseffekt? Fehlanzeige. „Der bleibt auf dem E-Bike – und auch der Muskelkater.“ Schließlich sei die Motorunterstützung des Bikes ja immer abhängig von der Einstellung. So kann sich der Ex-Profi bis zum Anschlag, aber ohne Gefahr, liegen zu bleiben, auspowern. „Das Gute: Ich weiß, dass ich mich bei den letzten Steigungen nicht überlasten muss und immer gut nach Hause komme.“

„Die Angst, dass E-Bikes unsportlich machen, ist völlig unbegründet“

Dr. Achim Schmidt, Sportwissenschaftler am Institut für Natursport und Ökologie der Deutschen Sporthochschule Köln

Analyse des Radsportexperten

„Untersuchungen zeigen klar, dass E-Bikes öfters gefahren und für längere Strecken genutzt werden“, erläutert der Sportwissenschaftler Dr. Achim Schmidt im Interview. Deshalb sei die Sorge, dass E-Bikes unsportlich machen würden, auch völlig unbegründet. Aus sportmedizinischer Sicht seien E-Bikes sogar absolut empfehlenswert. „Sie helfen, die Belastung im gesunden aeroben Bereich, also bei rund 60 bis 75 Prozent der maximalen Herzfrequenz, zu halten. Zur Verbesserung der Ausdauer und Stärkung des Immunsystems ist das optimal“, so der Fachmann und aktive Radsportler. „Außerdem kann man so effizient Gewicht verlieren.“
Auch er liebt seine E-Bikes und hier besonders das Familien-E-Cargobike: „Es wird mehrmals täglich von mir und meiner Frau genutzt. Für den Kindertransport, Arbeitswege oder Einkäufe. Im letzten Jahr habe ich das E-Bike für alle Alltagswege genutzt und somit komplett unser Auto ersetzt. Das klappte ganz hervorragend und hat meiner Fitness und Gesundheit sehr gut getan.“

„E-Bikes sind vor allem in urbanen Regionen eine tolle Alternative zum Auto“

Stephan Ross, Leiter der Kundenbetreuung beim E-Bike-Hersteller Klever Mobility

Perfekt zum Pendeln: Pedelec statt Pkw

„Die Hauptvorteile für Pendler sind, dass man mit dem E-Bike ohne Stauprobleme entspannt und unverschwitzt zur Arbeit kommt“, sagt Stephan Ross vom E-Bike-Hersteller Klever Mobility. Auf Strecken zwischen 10 und 20 Kilometern sei man dabei fast genauso schnell wie mit dem Auto. „Ich komme selbst aus dem Rennradsport und liebe es inzwischen, mit dem E-Bike unterwegs zu sein. Vor allem mit schnellen Pedelecs, die bis 45 km/h unterstützen.“ Seiner Erfahrung nach amortisieren sich die Anschaffungskosten schnell, wenn man den günstigen Unterhalt gegenrechnet.
Zudem hätte man an hochwertigen E-Bikes viele Jahre Freude. Einige, wie die von Klever, ließen sich sogar mit neuen Komponenten, wie leistungsstarken Akkus oder Steuereinheiten mit Bluetooth-Funktion, auf den aktuellsten Stand der Technik bringen. Seine Tipps: „Gute Händler leihen gerne ein E-Bike für einen Praxistest aus. Und keine Angst vor dem Hinterradmotor: Für Langstreckenfahrer und Pendler ist der kraftvolle und verschleißarme Heckantrieb unserer Auffassung nach ideal geeignet.“

„Mein Rad: E-Bikes im Urlaub ausprobieren.“

Michael Urban, Account-Manager bei Travelbike

Gute Idee für die nächste Reise

„Die Möglichkeit, seine Urlaubsumgebung mit dem E-Bike zu erkunden, hat einen ganz besonderen Reiz“, erklärt Michael Urban, Account-Manager beim E-Bike-Vermietnetzwerk Travelbike. „Im Gegensatz zum Auto kommt man mit dem E-Bike fast überallhin.“ Dabei sei das Erlebnis im Vergleich zum Fahrrad intensiver und entspannter. „Man ist nicht mehr auf Kondition und den nächsten Anstieg konzentriert, sondern kann die Natur genießen“, sagt der Experte, der sich in seiner Freizeit gerne aufs Mountainbike oder Rennrad schwingt.
So würden Steigungen zum Genuss und Aussichtspunkte oder Berghütten zu Zielen, die man gerne ansteuert. Seine Tipps: „Radfahren und Mountainbiken bekommen mit Motorunterstützung eine neue Erlebnisqualität. Örtliche Verleiher verfügen über ein breites Angebot, und meist können die E-Bikes im Voraus von zu Hause aus reserviert werden.“

„Für viele sind E-Bikes zu einem Statussymbol geworden. Manche Kunden geben bei uns bis zu 10.000 Euro aus.“

Jörg Prumbaum, Geschäftsführer des Familienbetriebs ZweiradCenter Prumbaum

E-Biker kommen aus allen Altersgruppen und Schichten

„Die Vorurteile gegenüber E-Bikes und die Angst, unsportlich zu erscheinen, sind aus meiner Sicht in den letzten Jahren fast verschwunden“, betont Jörg Prumbaum, Geschäftsführer des alteingesessenen Familienbetriebs Zweirad-Center Prumbaum in Köln-Dellbrück. Niemand schäme sich mehr dafür, ein E-Bike zu fahren. Ganz im Gegenteil: „Für viele sind E-Bikes zu einem Statussymbol geworden. Manche Kunden geben bei uns bis zu 10.000 Euro für ein E-Bike aus.“
Die ausgereifte Technik und das moderne Design der Räder hätten das Image und den Markt in den letzten Jahren stark verändert. „Einen enormen Schub erleben wir seit einigen Jahren im Hinblick auf den Einsatz als Pendlerfahrzeuge für den Arbeitsweg.“ Dazu trage die Verkehrssituation ebenso bei wie die Möglichkeit, E-Bikes steuerbegünstigt über den Arbeitgeber zu leasen. „Im Bereich E-BikeLeasing, in dem wir mit Unternehmen und Krankenhäusern aus der Region von Anfang an sehr aktiv sind, spielen die Anschaffungskosten keine hohe Rolle mehr, da der Arbeitnehmer nur eine monatliche Belastung hat – und die fällt im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln deutlich günstiger aus“, so der Experte. „Unsere E-Bike-Kunden kommen inzwischen aus allen Altersgruppen und Schichten: vom Azubi bis zum Chefarzt.“
Auch in den Mountainbike-Gruppen, in denen Jörg Prumbaum regelmäßig mitfährt, sind E-Bikes seiner Erfahrung nach inzwischen voll akzeptiert. Die einzigen Kundengruppen, die sich mit dem Thema noch schwertäten, seien eingefleischte sportliche Radfahrer und Kunden in der Ü80- Altersgruppe. „Zweifelnden Kunden sage ich immer, dass sie mit einem E-Bike mehr Spaß und einen viel höheren Erlebnisradius haben. Denn mithilfe der Unterstützung werden deutlich längere Touren und viel mehr Höhenmeter machbar.“

Wie passen Sport und E-Bike zusammen?

Die positive Wirkung der Motorunterstützung wird vielfach unterschätzt. Gerade im Hinblick auf das Gesamtgewicht in Verbindung mit Steigungen. Eine einfache Rechnung: Für ein Systemgewicht von 155 Kilogramm, das mit einem Lastenrad plus Kindern oder Einkäufen inklusive dem Körpergewicht schnell erreicht wird, muss man in der Ebene bei 15 km/h eine Leistung von 90 Watt erbringen. An einer 5-Prozent-Steigung steigt der Wert auf ca. 400 Watt, und bei 10 Prozent sind es bereits 720 Watt. Selbst beim Minimaltempo von 7 km/h benötigt man bei 10 Prozent Steigung immer noch 320 Watt. Normal trainierte Alltagsradfahrer schaffen dauerhaft aber nur 100 Watt und Radfahrerinnen durchschnittlich 80 Watt. Entsprechend schnell sind sie überfordert. Ohne Motor ist das einfach zu viel.