Gemeinsam durch die Weltgeschichte

Fünf Freunde fürs Leben fahren durch dick und dünn

Sie fahren seit 26 Jahren durch die Weltgeschichte. Die Hinterländer sind fünf Freunde fürs Leben und reisen neugierig in die Vergangenheit. Mehr Kumpel geht eigentlich nicht.

Datum:

Kleiner Ausritt über die Stahlgitterroste eines Wolkenkratzers in Osaka, 160 Meter, 36. Stock. Gute Einstimmung für den Fuji.

Es ist Donnerstagabend in Biedenkopf. Gerade werden die Bürgersteige hochgeklappt, und die Sonne hat sich hinter einem Berg versteckt, der Sackpfeife heißt. Alles hübsch, hübsch spießig. Ein Marktplatz wie aus dem Bilderbuch, Fleisch kauft man nur bei Metzger Unkel, er ist für seine gute Leber bekannt. In den Kneipen kreisen die Gläser zügig, weil sie früh schließen. Nicht nur dort reden die Leute Hessisch-Sibirisch, was wie eine hartnäckige Halskrankheit klingt.
Wir leben nicht am Arsch der Welt, behaupten die Hinterländer, aber man kann ihn von hier aus verdammt gut sehen. Na ja, sagt Uli, kennen sie schon. Oft würde man sie sogar für Hinterwäldler halten. Auch nicht nett, meint er und grinst. Er ist das gewohnt, doch er liebt seine kleine, enge Heimat. Diese unfruchtbare, häufig vergessene Gegend im Schatten des Sauerlandes. Vor Jahren hätte der Techniker für einen Kamerahersteller nach China gehen können. Heute ist er froh, dass er sich dagegen entschieden hat. Geld ist nicht alles, und die Welt hat er auch so gesehen.

Wenn es für die Hinterländer um die Welt geht, sind ihre Schätzchen für die Reise gut geschützt.

Er hat sie mit Harry, Siggi, Jörg und Mattes entdeckt. Sie waren in China, Brasilien, Japan, Kalifornien und Namibia. Mit dem Rad, mit viel Freude, mit neugieriger Lust und großem Vertrauen. Vor 26 Jahren wurden sie Freunde fürs Leben, sie haben sich damals gesucht und gefunden. 60 000 Kilometer, eine Million Höhenmeter, 30 Knochenbrüche und 250 Jahre liegen mittlerweile hinter ihnen. Dafür sehen die fünf Jungs noch echt gut aus.

„Wir haben ständig Höhen und Tiefen. Wie in einer Ehe.“

Wie jeden Donnerstag treffen sie sich nach dem Ausritt mit ihren Rädern auf ein Bier, manchmal auch auf zwei oder drei. In der Neuen Krone, im Bürgerhaus, wie es so kommt. Hinterländer Mountainbiker nennen sie sich, sie sind eine GbR, nein, nein, bloß kein Verein! „Ist doch immer dasselbe“, sagt Harry, „dann machen ein paar die Drecksarbeit und der Rest meckert nur rum.“ Da stecken sie lieber selbst ihre Köpfe zusammen, planen neue Reisen, verteilen Aufgaben oder erzählen sich ein paar derbe Männerwitze. Was gute Kumpel eben so tun. Einmal sind sie nacheinander in dasselbe Wasser einer Badewanne gestiegen. Geht eigentlich mehr?
Sie haben so viele Abenteuer erlebt, dass es für mehrere Leben reichen würde. Sie kennen sich häufig besser als ihre eigenen Ehefrauen. Sie kennen die Gerüche der anderen, wenn wieder einer in die Radlerhose bläht. Jede Marotte, jeden Schweißfuß, jede linke Hand. Nichts ist ihnen fremd, nichts ungewöhnlich, sie wissen von ihren Schwächen, ihren Stärken. „Es ist wie in einer Ehe“, sagt Siggi, der Älteste. „Wir haben Höhen und Tiefen. Wir hatten schon Tage, da standen wir kurz vor dem Aus.“

640 Meter Downhill vom Big Daddy, der höchsten Düne der Welt in der Wüste von Namibia. Wer nicht in der Spur bleibt, fliegt. Und wie.

Siggi zofft sich gern mal mit Jörg, dem Jüngsten. Wenn sein GPS irgendwo in der Welt streikt, und es streikt oft, kramt Siggi laut knisternd die gute alte Karte vor und knallt Sprüche wie „einfach mal den Kopp benutzen“ raus. Früher hatten sie Geräte dabei, die so groß waren, dass sie aus dem Rucksack ragten. „Wir waren Pioniere“, sagt Jörg, „und hatten ganz schön an den Dingern zu tragen.“ Doch was den Kopf angeht, trägt Siggi die schlimmste Geschichte von allen mit sich.
Er hatte sich mit seiner Frau gezankt, schwang sich wütend in den Sattel und lag plötzlich mitten auf der Straße. Eine Hälfte seines Schädels war nur noch Brei, man versetzte ihn ins Koma, eine Woche Dunkelheit. „Ohne Helm wäre es das gewesen“, sagt er. Wenn er davon spricht, hat er Tränen in den Augen. Aber dann zwinkert er wieder, spuckt seine schwer verdauliche Buchstabensuppe aus und ruft in die bierselige Runde: „Hey, Jungs, ich bin der Spitzenreiter bei den Knochenbrüchen!“ Er ist ein richtig netter Kerl.
Wie seine Kumpel auch. Wirkliche, unverfälschte Kumpel, ihre dicke Freundschaft geht weit über das Radfahren hinaus. Sie kümmern sich, weinen sich aus, wenn einer im richtigen Leben aus dem Tritt gerät; und dass sie so viel für den Ruf des Hinterlandes getan haben, macht sie auch ein wenig stolz. Vor einigen Jahren haben sie für ihre Verdienste einen Kulturpreis erhalten. „Mit Radfahren“, sagt Uli, „das muss uns erst mal einer nachmachen.“ Es wurde aber auch Zeit fürs Hinterland. Vor langer Zeit sollen Beamte aus Darmstadt hierher verbannt worden sein, weil sie sich durch forsches Handeln oder selbstständiges Denken unbeliebt gemacht hatten.

Vor der berühmten Golden Gate Bridge in San Francisco, auf den Spuren deutscher Ingenieurskunst.

Die Hinterländer Moutainbiker brettern ja auch nicht bloß hirnlos durch die Gegend. Sie fahren durch die Weltgeschichte, sie kehren in die Vergangenheit zurück. Ein Radmagazin hat sie mal als keuchende Geschichtsbücher bezeichnet. Denn bevor die fünf Freunde ihre Kette ölen, wühlen sie sich durch Staatsarchive und Bibliotheken und atmen den Staub der Geschichte ein. Fanden Autobahnen des Mittelalters, wie sie es nennen. Als sie auf Hannibals Wegen die Alpen überquerten, brauchten sie nur eine Woche für die schwindelerregende Klettertour. Aber zwei Jahre dauerte es, bevor sie wussten, wo es überhaupt langgehen sollte.
Ihr erstes großes Abenteuer wartete gleich vor der Haustür. Sie spürten auf ihren Rädern dem Raub einer Postkutsche nach, der 1822 von acht Hinterländern begangen wurde. Weil der Sack mit ihrer Beute über 130 Kilogramm schwer gewesen sein musste, wie Uli aus über 10 000 Gulden errechnete, glaubte die schlaue Truppe, dass das Geld irgendwo im Wald versteckt worden sein musste. Die Schatzsuche begann. „Und? Wo ist der Zaster?“, würde man sie gern fragen. Für ihre zahlreichen Ausflüge in die Welt hätten sie ihn bestimmt gut gebrauchen können. Manche Hirngespinste, die es vom Kopf bis in die Beine schaffen, kosten so um die 50 000 Euro. Gut, dass ein netter älterer Herr, der Reinhard Balzer heißt, sie unterstützt, wo er nur kann. Er ist vermögend und fasziniert von ihrer Neugier.

„Im Kopf sind wir alle erst 15. Aber leider nicht mehr in den Beinen.“

Verfolgungsfahrt bei einer Grabsuche in Afrika. Der einheimische Freund führte sie an Orte, an denen lange keiner mehr war.

Sie machten sich auch schon auf die Suche nach ein paar Auswanderern aus ihrer hessischen Gegend. Kratzten in der Nähe von Windhoek eine verdreckte Grabplatte vom Buschgras frei, unter der ein gewisser Heinrich Adalbert Schneider-Waterberg beerdigt worden war. Er hatte es durch Viehzucht und Ackerbau zu einigem Wohlstand in der Steppe gebracht. Ihm zu Ehren schlachtete man nach seinem Tod in alter Sitte 20 Ochsen und schichtete deren Schädel unter einem Feigenbaum auf. Das meiste davon hatte sich die Natur bereits zurückgeholt, den fünf Freunden wurde beim Anblick des Grabes nicht nur durch die Sonne heiß.
Kein Weg war ihnen zu weit, um das Hinterland in die Welt zu tragen. Sie spürten Geschichten auf, an die sie nicht zu denken wagten. Nahmen Fährten in Brasilien auf, während sie von einer kläffenden Hundemeute verfolgt wurden, die ihnen nicht nur nach dem Hinterteil trachtete. War knapp, sagen sie. Doch vor allem achten sie bis heute darauf, dass der Spaß nicht auf der Strecke bleibt. Denn eigentlich wollen sie doch nur große Kinder sein. „Im Kopf sind wir erst 15“, sagt Harry, „aber leider nicht mehr in den Beinen.“ Die sind bei Uli 56, bei Siggi 64, bei Harry 55, bei Mattes 53 und bei Jörg 44 Jahre alt.
Mit ihnen haben sie viel weggesteckt. Traten auf der Chinesischen Mauer in die Pedale, auf dem wilden Teil, versteht sich. Irgendwo stand „Wandern verboten“, da wussten sie: Hier müssen wir rauf! Sie landeten im Guiness-Buch der Rekorde, weil sie in 840 Meter Tiefe im Kalibergwerk Sondershausen bei 30 Grad durch die Stollen heizten. Sie fuhren über die Golden Gate Bridge in San Francisco und besuchten Joe Breeze, der als einer der Erfinder des Mountainbikes gilt. Sie nagelten mit Spikes die Bobbahn in Winterberg und in Namibia die höchste Düne der Welt herunter, 350 Meter hoch, sie heißt Big Daddy. „Unten hatten alle eine große Fresse“, sagt Jörg, „aber oben ging uns der Stift.“ Trotzdem ist er als Erster runter.

Radfahrer gibt es eher selten auf der Großen Mauer. Also gleich mal hoch, Geschichte bis in den Hintern spüren.

Auf Japans höchstem Berg, dem Fuji, blieb ihnen allerdings die Luft weg. Keiner hatte ihnen gesagt, wie „scheiß schwer“ der Anstieg ist. Das Land des Lächelns wurde zum Land des Hechelns. Bis auf 2700 Meter schoben sie ihre Räder rauf, dann warfen sie die müden Gäule in den Schnee und gingen zu Fuß weiter auf den heiligen Gipfel. Oben haben sie die hessische Fahne gehisst und sind auf dem Hosenboden heruntergerutscht. Wer auf den Fuji steigt, ist weise, heißt es. Wer ihn zweimal besteigt, ist ein Narr. Hmm, sie kamen sich schon beim ersten Mal ziemlich bekloppt vor.
Was bringt die Zukunft, Jungs? Bestimmt ein E-Bike, sagen sie alle wie aus einem Mund und bestellen die letzte Runde. Nur Jörg, der Jüngste, sagt es eher leise. „Mit den Dingern können wir uns noch ein paar Wünsche erfüllen“, meint Mattes, „bevor wir sie vorm Altersheim parken.“
Es ist elf Uhr, die Kumpel müssen los. Drei Stunden haben sie sich hastig die Bilder zurückgeholt, Siggi aus einem kleinen, roten Rollkoffer, stapelweise. Manchmal schlossen sie auch die Augen, um an die tiefen, klaren Bilder in ihren Köpfen zu kommen. Bilder, die für immer bleiben. Und, ja, man hätte sicher noch Fragen. Aber drei Stunden sind einfach zu wenig für eine Freundschaft, die schon ein halbes Leben lang hält.

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