Bikepacking-Overnighter

Micro-Adventure (24 h): Kleiner Trip, großes Glück

Sogenannte Micro-Adventures sind bei Radfahrern groß im Trend. Wir packten also unsere Siebensachen in ein paar Radtaschen und schlugen mit Mountainbikes in die Wälder des Weserberglandes. Eine kurze Tour, eine Übernachtung, ein tolles Erlebnis.

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Nur wenige Minuten nach dem Start unserer Tour fahren wir auf Schleichwegen aus Göttingen heraus. Auf geht’s ins Mini-Abenteuer.

Gunnar sägt alles. Vorhin unser Feuerholz und nun, da ich auf hartem Grund und extrem dünner Isomatte vergeblich versuche einzuschlafen, alle Wälder dieser Welt in seinen Träumen. Zzzzzz. Wie bin ich nur hierhergekommen – mitten in den Wald, bei Regen und bei Nacht? Ich wollte einen sogenannten Overnighter fahren – mit Gunnar Fehlau, dem deutschen Bikepacking-Guru. Die Räder mit dem Nötigsten bestücken, losradeln über Stock und Stein, irgendwann einen Rastplatz finden, ein Nachtlager aufschlagen und am nächsten Morgen wieder nach Hause pedalieren. Ein kurzes Abenteuer – in Insider-Kreisen auch Micro-Adventure genannt – direkt vor der Haustür. Weg vom Sesselpuper-Bürojob, hinein in die Natur. Frei nach dem Motto: tausche Sofa, TV und Bett mit Kuscheldecke gegen Sattel, Natur und Waldboden.
Gegen 13 Uhr komme ich in Göttingen bei Gunnar an, der mir ein Salsa-Woodsmoke mit jeder Menge Packtaschen vorbereitet hat, in denen ich meine Ausrüstung verstauen muss. Nur was darf mit, was nicht? Der Platz ist begrenzt. Ein Schlafsack, klar, kommt vorn in die Tasche am Lenker. Trinkflaschen werden am Lenker und unterm Unterrohr angebracht. Isomatte, Regenjacke, warme Unterwäsche und eine Mütze wandern in die Sattelstützentasche, Gaskocher, Werkzeug und Zahnbürste in die Rahmentasche. „Wohin das Handtuch?“, frage ich Gunnar. „Ich wüsste nicht, wofür du das brauchst!“ Oh, auch gut.

Gerade noch gemütlich auf einem Waldweg unterwegs, fordert ein umgekippter Baum plötzlich unsere Geschicklichkeit.

Nach einer Stunde Vorbereitung geht es los. Über Schleichwege und eine stillgelegte Bahntrasse verlassen wir binnen Minuten die Stadt und radeln den Ausläufern des Weserberglandes entgegen. Auf dem Woodsmoke fühle ich mich von der ersten Sekunde an wohl. Auch als es später über Stock und Stein und über winklige Trails auf und ab geht, zeigt das Fahrrad, dass es genau für diesen Einsatzzweck gebaut wurde. Keine Spur von Trägheit, trotz des ganzen Gepäcks.
Schon bald sind Feld- und Waldwege unser Terrain, und wir erleben einen wunderbaren Nachmittag auf dem Fahrrad. Umgeben von der Natur, begleitet von Bächen und bald auch der Weser liegen die Stadt, die Arbeit und der Alltag gefühlt seit Stunden hinter uns. Auch das Wetter spielt mit – laut Vorhersage zumindest für die nächsten Stunden. Gegen 17 Uhr machen wir einen Abstecher in das kleine Städtchen Dransfeld, wo wir uns mit Proviant für den Abend eindecken. Minutensteaks, Gemüse, ein Bier und – ganz wichtig – Eichsfelder Stracke, eine für diesen Landstrich typische Mettwurst, stehen auf unserem Einkaufszettel und werden in die noch zur Verfügung stehenden Lücken unserer Taschen gefriemelt.
In der Klostermühle Bursfelde nutzen wir nach wunderbaren Waldwegen die letzte Möglichkeit für einen zivilisierten Toilettengang und genießen, die Weser im Blick, einen Milchkaffee. Dann strampeln wir gegen 19 Uhr bei einsetzendem Regen zurück in die Wälder und fünf Kilometer sportlich bergauf. Weil Petrus seine Pforten mehr und mehr öffnet, müssen wir unseren Plan, unterm Sternenzelt zu übernachten, leicht ändern. In seiner Funktion als Scout findet Gunnar zielsicher eine kleine Schutzhütte mit Feuerstelle. Unsere Tarps – Zelte sozusagen, nur ohne Boden – können wir so in den Packtaschen lassen.

Gerade noch im Sattel aktiv, müssen Bikepacker abends das Lagerfeuer richten.

Der Regen hält uns nicht davon ab, perfekte Lagerfeuer-Romantik zu erschaffen. Zuerst sammeln wir kleine, dann größer herumliegende Äste, und letztlich schaffen wir einen schon trockenen armdicken Nadelbaum zum Lager, den Gunnar voller Eifer mit seiner Klappsäge zu kleinen Stücken verarbeitet. Er sägt und sägt. Anschließend entzündet er die gesammelten Hölzer – nicht mit einem Feuerzeug, nein, mit einem Vargo Fire Starter, einem von vielen ultimativen Outdoor-Ausrüstungsgegenständen, die Gunnar bei sich hat – alles total optimiert in Sachen Funktion, Packmaß und Gewicht. Und dann gibt es, gegart über unserem Bilderbuchfeuer, die legendäre Fehlau-Pfanne: Gemüse und Eichsfelder Stracke in Stücke geschnitten, etwas Olivenöl, Salz und Pfeffer darüber, eingefaltet in eine Lage Alufolie, fertig. Lecker! Das Ganze runden wir mit einigen Schlucken „Pilger-Bier“ ab – welch treffender Name.
Perfekte Lagerfeuer-Romantik
Bei guten Gesprächen über Fahrräder, Outdoor-Ausrüstungsgegenstände und andere überaus wichtige Themen lassen wir den Abend am Feuer ausklingen, bevor wir uns auf viel zu dünnen – aber eben packmaß- und gewichtsoptimierten Isomatten auf die Tische der Schutzhütte betten. „Warum nur“, frage ich mich, „muss Romantik so knochenhart sein?!“ Und warum nur sägt der Kollege immer noch? Der nachts heftig plätschernde Regen hat sich morgens um acht verzogen. Gunnar zaubert einen Kaffee mittels Gaskocher und Mini-Kanne. Wieder lecker. Zufriedenheit kann so leicht sein! Und das ist schließlich ein Grund, warum wir uns auf diesen Trip begeben haben.

Bei Regen dient eine Schutzhütte als Unterschlupf für die Nacht, Tische sind Ersatzbetten.

Kurz bevor wir weiterradeln, ziehe ich mir mein Radunterhemd von gestern über. Iiiih – nasskalt von der Nacht, ist das kein Vergnügen. „Das ersetzt die kalte Dusche am Morgen“, quittiert Gunnar grinsend meine Grimasse. Und erst dann – warum nicht am Vorabend? – teilt er mir ein weiteres Outdoor-Geheimnis mit: „Die Dinge, die am Morgen warm und trocken sein sollen, musst du natürlich abends mit in den Schlafsack nehmen.“ Ach so, ja, danke!
Zwei Minuten später kämpfen wir uns einen bestimmt zwei Kilometer langen und recht steilen Berg hoch. „Perfekt zum Wachwerden“ – Gunnar verzieht das Gesicht. Der Himmel reißt auf, und wir erleben die perfekte Fortsetzung des gestrigen Nachmittags – Radeln vom Feinsten. Noch einmal geht es nach Dransfeld, wo wir nach zwei Stunden Fahrradspaß ziemlich unterzuckert einen Bäckerladen stürmen. Gestärkt nehmen wir anschließend die letzten knapp 20 Kilometer zurück nach Göttingen in Angriff. Parallel zu unserem Radweg verstärken sich die Geräusche des Verkehrs, und dann, zack, hat uns das städtische Treiben wieder – fast unwirklich nach all der Ruhe, die wir während unseres Mini-Abenteuers genossen haben.
Eine Dusche und einen Teller heiße Suppe später setze ich mich ins Auto und fahre nach Hause. Ich überdenke das Erlebte und frage mich, warum ich so einen Trip nicht viel öfter unternehme. Ja, körperlich bin ich etwas müde, aber der Geist hat sich während dieser gerade einmal 24 Stunden richtiggehend erholt. Und so plane ich schon während der Fahrt zurück in meinen Alltag mein nächstes kleines Abenteuer. Eigentlich genau so eins, wie ich es gerade erlebt habe. Wobei – einmal Sägen fürs Feuerholz würde reichen.

Am Ende des Overnighters sind wir uns einig: Das war ein gelungener Kurzausflug. Fortsetzung folgt.