Optische Täuschung: VTT Laϊti

Mountainbike mit Einarm-Aufhängung – vorn und hinten

Seit 18 Jahren gibt es Cannondales Mono-Gabel „Lefty“. Was kaum jemand weiß: Michel Laïti baute schon 1988 ein Mountainbike mit Einarm-Aufhängung – vorn und hinten.

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Aus dieser Perspektive sieht es so aus, als seien rechte Gabel und linke Sattelstrebe des Laïtis verschwunden. Tatsächlich wurde das Rad bewusst so konstruiert.

Das Laïti polarisiert. Wenn heute in Internetforen über dieses „VTT“ (VTT – Vélo Tous Terrains, Mountainbike) des französischen Ingenieurs Michel Laïti diskutiert wird, gibt es regelmäßig eine Fraktion, die der Einarm-Aufhängung von Vorder- und Hinterrad jedwede Praxistauglichkeit abspricht. Für die anderen ist das Rad eine geniale Erfindung, die sich aus unerklärlichen Gründen nicht durchgesetzt hat.
Die Einarmkonstruktion sorgt zunächst einmal für eine ungewöhnliche Optik. Aus bestimmten Blickwinkeln sieht das Laïti aus, als könne es nicht geradeaus fahren, weil Vorder- und Hinterrad anscheinend seitlich versetzt stehen. Doch das täuscht. Das Auge verwirren unter anderem die seitlichen Biegungen von linker Gabelscheide und rechter Kettenstrebe am Stahlrahmen, die den Abstand zur Drehebene der Laufräder gering halten.

Inbusverschluss am Vorderrad, dahinter die Sturmey-Archer-Trommelbremse. Beim Hinterrad ist es identisch.

Kettenschaltung und Trommelbremse

Technisch war vor allem die Hinterradaufhängung eine Herausforderung, denn es galt Kettenschaltung und Trommelbremse zu kombinieren – Felgenbremsen lassen sich an Einarm-Aufhängungen nicht montieren.
Also trennte Laïti den Antrieb vom eigentlichen Hinterrad, Ritzelpaket und Freilauf wanderten auf die rechte Seite der Radaufnahme. Der Befestigungspunkt der Kettenschaltung sitzt beim Laïti vor den Zahnrädern seitlich an der Kettenstrebe, viel zu weit vorn. Ein sieben Zentimeter langer Flachstahl stellt den richtigen Abstand zu den Zahnrädern her. Die Vorderrad-Befestigung ist dagegen vergleichsweise einfach aufgebaut, hier müssen lediglich stärkere Lager die einseitige Belastung der Nabe auffangen.
Kommen wir zu den Vorteilen. Eine Fahrrad-Zeitschrift bezeichnete Michel Laïti seinerzeit als „Konstrukteur, der sich nie die Hände schmutzig macht“: Beim Ausbau der Hinterrads muss man weder an Kette noch Schaltung hantieren. Es reicht, hinten wie vorn (die Räder sind austauschbar), eine zentrale 14-mm-Inbusschraube zu lösen. Nur wozu – bei einem Plattfuß lässt sich der Reifen problemlos am eingebauten Rad reparieren. Zum Beispiel, um auf einen anderen Radsatz zu wechseln. Neben den Mountainbike-Rädern sollte es 28-Zoll-Laufräder für die Straße geben. Auf diese wartet Fahrradhändler Gerhard Hofmann seit nunmehr 30 Jahren.

Die Flachstahl-Befestigung des Schaltwerks.

Das VTT: „Eine tolle Erfahrung“

Den heute 73-Jährigen besuchte 1990 ein Fahrradvertreter in seinem Geschäft im oberfränkischen Weidhausen und verkaufte ihm unser Foto-Laïti. Hofmann blieb auf dem Rad sitzen. Vielleicht war es der hohe Preis (in der Erinnerung ungefähr 1.400 Mark), vielleicht die schrille orange-gelbgrüne Lackierung, die in der bayerischen Provinz nicht ankam.
Nach Jahren in der Ausstellung wanderte das Laïti ins Lager, wo es bis zur Betriebsaufgabe blieb. Gerhard Hofmann ist damals immerhin eine Testrunde gefahren, denn er hat jedes einzelne Rad nach der Endmontage selbst ausprobiert. Kommentar: „Ein bisschen komisch hat sich das schon angefühlt, gewöhnungsbedürftig.“
Auch für Michel Laïti wurde das VTT zum Verlustgeschäft, obwohl er seine Lizenz schließlich an eine Pariser Firma verkaufte. Knapp 3000 Exemplare sind insgesamt entstanden. Laïti, heute 59 Jahre alt, gegenüber BIKE BILD: „Ich habe sehr gute Erinnerungen an diese Zeit. Trotz allem war das VTT eine tolle Erfahrung!“

Mit einem Side-by-Side-Tandem wollte Laïti die Stabilität des Rahmens demonstrieren. Ein gelbes Exemplar wurde ihm im August gestohlen. Hinweise bitte an die Redaktion.