Radrennen inklusive Drinks und Party

Rad Race: Fightclub auf Fahrrädern

DJ, Drinks und Partystimmung – Rad Race nimmt in der Radrennszene eine Sonderrolle ein. Das Erlebnis zählt zuweilen mehr als der Sieg, nicht selten endet der Tag an der Theke. Für BIKE BILD hat sich Autor David Krenz in Berlin ins Getümmel begeben.

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Das Prinzip Rad Race: Immer voll reintreten! Nach jeder Runde scheidet der jeweils Letztplatzierte aus.

Kartsportbahn Berlin-Hohenschönhausen, ein Samstagmorgen. In der Halle hängt nicht Benzingeruch, sondern Marihuananebel. Aus den Boxen brüllen The Prodigy: „Smack My Bitch Up!“, wozu eine Radlerin in wildem Tanz ihre Muskeln lockert. Auch andere Starter machen sich bereit, entblößen Tätowierungen auf rasierten Waden, tauschen Holzfällerflanell gegen Lycra-Trikot, stülpen den Sturzhelm über die Rastamähne. Wie beim Crowdsurfing auf Punkkonzerten heben Zuschauer eine der Rennmaschinen über ihre Köpfe hinweg zur Startlinie. Dann endlich der ersehnte Ruf: „Kick it!“ Er läutet das erste Rennen des Rad Race ein.
Rad Race, das ist Fight Club auf Fahrrädern. Ein Künstler aus Tallinn, die Marketingfrau eines E-Bike-Herstellers und 160 weitere Großstadtmenschen mit Großstadtjobs ballen ihre Fäuste – um Lenkergriffe. Blut? Wird fließen.

Qualifying

Teuflische 180-Grad-Spitzkehren! Startnummer 107 kriegt die Kurve nicht, Abflug in die Absperrbande. Wenig später erwischt es die 35: Schlüsselbein durch. An manchen Lenkern hängen Go-Pro-Kameras, die Filmchen erinnern an Rennrodeln im Eiskanal. Geschickte Fahrer driften mit blockiertem Hinterrad um die Kurven, dass die Pneus quietschen. Die Menge hinter den Reifenstapeln johlt. Einige haben sich mit hineingeschmuggeltem Jägermeister in Stimmung gebracht.

Spitze Kehren und schlüpfriger Asphalt fordern die Rennfahrer – mancher kriegt die Kurve nicht.

Das Format heißt „Last Man Standing“. Im Qualifying starten pro Lauf acht Fahrer, alle zwei Runden scheidet der jeweils letzte aus, vier erreichen die nächste Turnierrunde. Ein jähes Ende ereilt Bernhard Schulz aus Hamburg, der über dem Trikot eine Jeansweste mit Aufnähern trägt. Wie soll man auch mit zwei Meter Körpergröße und 100 Kilo Kampfgewicht die Kurven umschmeicheln, wie es die Italiener des Supernova-Teams so elegant vollbringen. „Die sind ja auch nur eins fünfzig groß“, sagt er.
Der Türsteher haut ihn an: „Geile Kutte, Alter!“ Bernhard erzählt, dass er in ihr und auf dem Fixie von Nizza nach Barcelona, durch Thailand und Hawaii geradelt sei. Bleibt zu hoffen, dass er nicht streng jenem Dogma folgt, wonach eine wahre Kutte nie, aber auch nie zu waschen sei.

Viertelfinale

Der bärtige Typ, der abseits der Strecke die Bar schmeißt, und der Mann am Mikro, der das Renngeschehen kommentiert – das sind Taha Sonnenschein und Ingo Engelhardt, die Geschäftsführer der Firma, die das Rad Race organisiert. Ingo beschreibt den Gründungsmythos so: „Das war 2013, da haben wir uns gesagt: Radrennen, das sind Duelle Lenker an Lenker, Adrenalinrausch – warum werden die so verdammt uncool präsentiert?“

Seit dem ersten Rad Race starten auch Frauen, dieses Jahr 36. Eine der Favoritinnen, Tamika, saß bereits mit neun Jahren auf dem Rennrad. Am Ende holt sich Karla (l.) den Sieg im Finale.

Er meint den Straßenradsport, wo die Zuschauer den halben Nachmittag mit ihren Klatschpappen am Absperrgitter lehnen, dann – wuscchhh – zischt das Feld in Sekunden vorbei. Ingo, Taha und zehn ihrer Freunde aus Studientagen opferten ihr Erspartes, um Events nach ihren Maßstäben hochzuziehen: Wie in einer antiken Arena sollte das Publikum das komplette Spektakel überblicken. Dazu DJ, Drinks und Party bis zum Morgengrauen. Das Konzept hat 1500 ziemlich hip aussehende Leute nach Hohenschönhausen gelockt, sonst eher nicht als Stadtteil für legendäre Samstagnächte bekannt.
Während die Teilnehmer der „Last Man“-Premiere 2014 vorwiegend aus der deutschen Fixed-Szene stammten – „früher war es familiärer“, sagt einer dieser Veteranen, ein Kurierfahrer –, reisen inzwischen Teams aus halb Europa an. Vorjahressieger Addison Zawada jettete von Montreal rüber, dank BMX-Profijahren steuert er schlafwandlerisch durch den Parcours. Während die Kontrahenten in den Rennpausen auf den Trainingsrollen strampeln, lehnt er lässig am Lüftungsschacht, hämmert wild auf sein Smartphone ein, vermutlich gilt es einen Highscore zu knacken. Klar, er wolle wieder gewinnen in Berlin. Sei aber noch müde vom Vorwochenende, ein 100-Meilen-Gravel-Rennen durch den Matsch von Oklahoma. Sein härtester Konkurrent heute? „Augusto Reati“, zweimaliger Champion. „Der ist einfach verdammt schnell.“
Kaum ausgesprochen, hallt Ingos Aufschrei über die Bahn: „Augusto ist raus!“ Neben einer Kunstpalme klebt der in der Werbebande. Schuld war das Bremsmanöver eines Vordermanns. Schäumend rappelt sich der Italiener auf, wirft sein Rad von sich wie einst Bjarne Riis bei der Tour de France. Er dampft ab zur Sitzecke vor der Damentoilette, donnert seinen Helm gegen die Wand und streift die Träger seiner Radhose ab. So sitzt er da: ein gestürzter Held in weißem Unterhemd.

Halbfinale

Tamika Hingst ballert über die Bahn, verleibt sich eine Gegnerin nach der anderen ein. Die 19-jährige Hamburgerin gilt im Frauenrennen als Favoritin. Schon mit neun übte sie Rennrad auf dem Busparkplatz. Ein Kumpel aus dem Radverein überredete sie 2015, Fixed-Rennen zu probieren. Inzwischen fährt sie für das Rad-Race-Firmenteam, Erlebnisse bei Kriterien von Brooklyn, London und Barcelona füttern ihren Instagram-Account.

Schneller K.o.: Für viele der rund 160 Starter ist bereits nach Runde eins Schluss.

Dank des Glamours, der die junge Szene umweht, ziehen Ingo und seine Leute immer mehr Sponsoren an. Ein Radhersteller spendiert dem Firmenteam feuerrote Fixies, aus einem Kartbahnkreisel ragt die Dreimeterflasche eines Haarwaschmittels. Auch Rad Race selbst wird zur Marke: Als sie voriges Jahr mit der Etappenfahrt „Tour de Friends“ als Reiseveranstalter debütierten, nahmen 400 Leute teil. Jeder zahlte 589 Euro. „Damit lässt sich endlich Geld verdienen“, sagt Ingo. Die Rennen hingegen seien kein Geschäft, weshalb er werktags für eine Werbeagentur malocht und in der Halle an die Zuschauer appelliert: „Jedes Bier, das ihr kauft, kommt einem guten Zweck zugute. Nämlich uns.“

Finale

Die Strecke schimmert in goldenem Licht, ein Spotlight fährt über die Finalfahrräder, dass sie wie Schwarten am Fleischerhaken glänzen. Zuschauer stehen in Reifenstapeln, möglichst nah am Geschehen. Addison hechtet nach vorn, nimmt eingangs der letzten Runde plötzlich die rechte Hand vom Lenker, worauf er leicht ins Schlingern und aus der Ideallinie gerät. Meter vor dem Ziel schlüpft sein Verfolger vorbei: Mattia Zoli, Landsmann und Teamkollege von Augusto, dessen tragisches Scheitern somit gerächt sein dürfte. Addison gratuliert artig. Dem Reporter erklärt er, mit der Handbewegung habe er das Publikum animieren wollen und dabei den Fokus aufs Rennen verloren, „stupid stuff “, lautet die selbstkritische Analyse. So straucheln auch die routiniertesten Fahrer über die Frage, ob das Rad Race eher Show oder ernster Wettstreit sei.

Gewinnerfaust: Es hat längst Mitternacht geschlagen, da spurtet Mattia Zoli im Männerfinale als Erster über die Ziellinie. Der Sieg geht nach Italien.

Bei den Frauen stürzt die Französin Margaux Vigié, die im Turnier Rundenzeiten wie die schnellsten Männer erzielte, in einer Kurve, schneidet Tamika von allen Siegchancen ab. Die dann Führende schweift zu weit aus, eine Lücke geht auf, aus dem Hintergrund müsste Karla Sommer schießen – das tut sie und gibt ihren Spitzenplatz nicht mehr her. Als Mutter mit Vollzeitjob könne sie zwar nur zweimal die Woche trainieren, sagt sie, „ich fahre aber seit 25 Jahren, kann Rennsituationen lesen“. In der Traube der Gratulanten steckt auch Bernhard, der Kuttenmann. „Du Maschine!“, brüllt er Karla ins Ohr und wirkt schon ziemlich bierselig. Die erste Regel des Fight Club auf Fahrrädern lautet: Die Letzten im Rennen sind die Ersten an der Bar.

Info: Was man übers Rad Race wissen sollte

Hallen-Einheizer: Ingo Engelhardt (l.) und sein Team stellen das Rad Race jedes Jahr auf die Beine.

Zwölf Freunde aus Münster und Hamburg – darunter Anwälte, Designer, ein Gastronom – gründeten im Herbst 2013 die Rad Race GmbH. Nach Vorbild des amerikanischen „Red Hook Crit“ organisieren sie alternative Radrennen mitten in Metropolen und mit viel Party drumherum, was eine internationale, junge Szene anzieht.
Vom Coolnessfaktor wollen offenbar auch etablierte Veranstalter profitieren: So lief das Rad Race bereits im Begleitprogramm der Hamburger Cyclassics, des Berliner Sechs-Tage-Rennens und sogar der Tour de France.
Das nächste Last Man Standing in Berlin findet am 9. März 2019 statt. Weitere Renntermine und Infos unter: www.rad-race.com