Gesund radeln und abnehmen

Experiment: Low-Carb-Ernährung mit Vivere180

Weihnachten, Ostern, Party oder Corona – irgendwas ist ja immer, um Gründe zu finden, mehr zu essen und zu trinken. Aber wie die überflüssigen Pfunde wieder loswerden? Redakteur Mathias Müller hat sich mit Vivere180 ein Programm auferlegt, welches eine Low-Carb-Ernährung mit täglicher sportlicher Betätigung kombiniert. Das klingt nicht gerade so verlockend wie die Speisen in einem Steakhouse, einer Eisdiele oder beim Lieblings-Italiener. Aber es ist, wie der Selbstversuch zeigt, gut durchzuhalten und motiviert auch im Nachgang auf die eigene Ernährung zu achten.

Datum:

Beim Vivere180-Programm soll man eine Woche lang jeden Tag eine halbe bis eine Stunde Sport treiben. Bei unserem Selbstversuch fiel die Wahl aufs Gravelbike-Fahren.

Weihnachten hatte Schuld. Weihnachten und seine verbündeten freien Tage danach – samt Silvester. Zu viel gutes Essen, einige Drinks, noch mehr gutes Essen und – obwohl freie Tage – zu wenig Bewegung.
Aber ganz ehrlich, wäre es nicht Weihnachten gewesen, dann hätte der Karneval die Sache übernommen, oder Ostern, Corona oder was weiß ich. Fakt ist, zu Beginn des Frühjahrs waren zu viele Kilos auf meinen Hüften. Das Einzige, was mich einigermaßen gnädig mir und meiner Selbstachtung gegenüber stimmte war, dass es vielen Leuten um mich herum ähnlich ging. Aber was tun? Nicht nur mir, vielen Menschen stellt sich die Frage, wie man nach Monaten des Überflusses die Kurve kriegt, wie man den Anker auf festen Grund wirft, die Kilos verliert. Mit dem Programm Vivere180 habe ich nun einen Selbstversuch gemacht.

Redakteur Mathias Müller im Selbstversuch: "Für mich ist das eine prima Sache. Ich habe nicht nur Gewicht verloren, ich achte nun auch mehr auf die Qualität meiner Ernährung, habe alte Gewohnheiten über Bord geworfen."

Vivere180 – was soll das sein? Sportwissenschaftler Stephan Nüsser, früher Geschäftsführer des Zentrums für Leistungsdiagnostik an der Deutschen Sporthochschule in Köln, dann langjähriger Trainer von Spitzensportlern im Motocross-Sport (Weltmeister Jorge Prado) sowie Experte zum Thema Low Carb im Sport und in der Prävention von Zivilisationskrankheiten wie zum Beispiel Diabetes und Übergewicht, gibt uns einen Einblick. Mit seinem sportwissenschaftlichen Institut hat er das Gründerteam von Vivere180 beraten und uns einen Einblick in dieses Thema gegeben. Jeder zweite Bürger unseres Landes, so Nüsser, sei übergewichtig, jeder fünfte habe gar ein erhöhtes Diabetes-Risiko, hervorgerufen durch eine sich ausbildende Insulinresistenz oder eine beeinträchtigte Zuckertoleranz.
Bei den Vivere180-Programmen wird nun eine optimierte Kohlenhydrat-Diät, je nach individuellen Bedürfnissen und persönlichen Bewegungsprogrammen, mit zeitgesteuertem intermittierendem Fasten und Ausdauersport/Bewegung kombiniert, um den Fettstoffwechsel zu verbessern. Der Körper schnappt sich sein eigenes Fett als Brennstoff? Ich muss nicht hungern und werde dennoch schlanker? Na dann mal los.

Ausgangspunkt für mein Vivere180-Kick-off-Programm. 82,8 Kilogramm – ganz okay, aber beileibe nicht gut.

Tag 1:
Ich starte mit dem 7-tägigen Low-Carb-Kick-off-Programm von Vivere180 für 199 Euro. Uff, eine Menge Geld, zumal ich erst noch in eine Hauswaage investieren muss, die es bei mir bisher nicht gibt. Egal, irgendwie muss man ja anfangen. Aber was bekommen Interessierte für die fast zweihundert Euro? Handfest sind zumindest die Supplemente in Form von Mineral-, Aminosäuren- und Antioxidantien-Kapseln. Okay, denke ich, die könnte ich mir eventuell auch selbst in der Apotheke oder dem Drogeriemarkt zusammenstellen, wenngleich das natürlich erst einmal eine größere Recherche mit sich bringen würde. Was ich nicht so leicht schaffe, ist die persönliche Einordnung.
Zu Beginn des Programms steht ein kurzer Mail-Chat, gefolgt von einem persönlichen Gespräch mit einem der Vivere180-Coaches. Sowohl das Ausdauerprogramm – gibt es eventuell Vorlieben für eine Sportart/Bewegung? –, als auch die Ernährung – gibt es Unverträglichkeiten oder Dinge, die ein Interessierter nicht ausstehen mag? –, werden hier individuell zusammengestellt. Bei mir muss es natürlich das Radfahren sein. Laufen geht nach einigen Operationen nicht mehr so gut, schwimmen ist logistisch nicht so leicht umzusetzen, zum Rudern fehlt mir das Boot oder das Fitness-Center, und Skilanglauf könnte ich wohl nur umsetzen, wenn ich meinen Wohnsitz tausend Kilometer nach Süden verlegen würde. Aber im Ernst, es muss eh nicht Hardcore-Sport sein, Anfänger können auch mit zügigem Walken das Programm in Angriff nehmen.

Fahrrad fahren bringt frische Luft, Fitness und gute Laune. In Verbindung mit vernünftiger Ernährung unschlagbar.

Weil ich mir über die Jahre ein dickes Ausdauerfundament erarbeitet habe, kann und darf ich jeden Tag zwischen 60 und 90 Minuten Rad fahren – ganz nach Lust und Laune. Das hört sich für mich schon mal gut an – größtmögliche Freiheit. Und die Mahlzeiten? Hier bekommt man von den Coaches ebenfalls einen genauen Plan, der aber auch immer mit Alternativvorschlägen versehen ist. Zuerst geht es sehr gut los: Zum Frühstück schnappe ich mir einen Naturjoghurt (vollfett!) und gebe 200 Gramm Heidelbeeren hinzu. Das ist selbst für mich eine schnelle Zubereitung, schmeckt nach meiner Fahrradrunde mit dem Gravelbike sehr gut und macht satt. Mit Diät hat das hier nichts zu tun – noch nicht. Meine Waage sagt mir überdies 82,8 Kilogramm an, bei 183 Zentimeter Größe. So weit so gut.
Das Mittagessen: Eine Avocado, 100 Gramm gemischten Salat, 50 Gramm Tomaten, eine Viertel-Gurke, zehn Oliven, Olivenöl, Balsamico-Essig. Hallo? Wer soll das alles essen? Zumal ich mir schon am frühen Nachmittag einen leckeren Cappuccino gönne. Jaja, ist alles erlaubt. So ist es recht einfach, bis zum Abendessen durchzuhalten. Ja klar, Kuchen gibt es nun nicht, aber den braucht man ja auch nicht wirklich. Alles Mindset, alles Programmierung. Nach den 200 Gramm Hühnchen und eben so viel Gemüse, trinke ich beim Abendfilm genüsslich zwei halbe Liter Wasser. Läuft.
Tag 2: Meine Entscheidung, das Sportprogramm direkt in den frühen Morgen zu legen, funktioniert für mich sehr gut. Die Luft morgens ist klar und frisch, auf den Waldwegen begegne ich so gut wie keinen Leuten, und manchmal entdecke ich sogar Dammwild, Hasen oder Kraniche am Wegesrand. Auch schmeckt das Frühstück nach getaner Arbeit viel besser. Heute tausche ich den Joghurt gegen einen Mandelmehlpfannkuchen, getoppt mit etwas Joghurt und Beeren. Herrlich. Apropos, meine Waage zeigt nach meiner Radrunde heute 82,1 Kilogramm. 700 Gramm weniger als gestern? Nun ja, eine starke Schwankung kann natürlich auch immer mal mit dem gesunkenen Wasserhaushalt einhergehen. Also erst einmal einen halben Liter Wasser trinken.
Zum Mittagessen gibt es den gleichen Salat, der mir schon gestern gut geschmeckt hat. Ich empfinde es als äußerst hilfreich, dass die Vivere-Leute mir quasi ein komplettes Rezept mit an die Hand geben. Ich zwinge mich, immer ein großes Glas Wasser mit an meinen Schreibtisch zu nehmen. Ist es leer, gönne ich mir einen Kaffee, gefolgt von einem weiteren großen Glas Wasser. Abends gibt es Lachs, 200 Gramm – da kann man nicht meckern. Dazu Brokkoli in Olivenöl und etwas Frischkäse.

Unter 82 Kilogramm – da war ich schon sehr lange nicht mehr. Es läuft.

Tag 3:
Hatte ich schon erwähnt, dass ich mein Vivere-Programm in der ersten Woche des Corona-Shutdowns unternehme? Auch das entpuppt sich für mich als optimal. Wenn ich morgens meine Gravel-Runde im Wald drehe, habe ich keinerlei Kontakt zu anderen Personen. Daraus resultiert keinerlei Ansteckungsgefahr bei gleichzeitiger eineinhalbstündiger Sauerstoffdusche, gepaart mit leichten Ausdauertraining, was mein Herz-Kreislauf- und Immunsystem stärkt. Perfekt.
Jetzt könnte das Frühstück schmecken. Aber was ist das? Ein Bulletproof-Kaffee? Oder Bulletproof-Tee? 250 Milliliter Kaffee zusammen mit einem Esslöffel Kokosöl und einem weiteren Esslöffel Butter mixen? Das kann nicht schmecken! Oder doch? Überraschung: Es schmeckt. Und es gibt Energie, locker genug, um den Vormittag bis zum Mittagessen zu schaffen. Da wartet wieder ein leckerer Salat auf mich. Und am Abend gibt es 200 Gramm Gemüse, gemischt mit geriebenem Käse und einem 200 Gramm schweren Burger-Patty – man könnte auch Frikadelle sagen. Fast vergessen, meine Waage zeigte heute Morgen 81,9 Kilogramm an. Das scheint doch realistisch. Und schon heute Abend bin ich gespannt, was morgen auf dem Display erscheint.
Tag 4: Heute und morgen sind die – zumindest psychisch – härtesten Tage des Kick-off-Programms. Sowohl zum Frühstück als auch zum Mittag-„Essen“ ist nur ein Bulletproof-Kaffee vorgesehen. Der Blick auf die Waage zeigt mir indes, wofür der Verzicht gut ist: 80,5 Kilogramm. Läuft bei mir. Was ich wirklich gut finde ist, dass mein Wasserkonsum mittlerweile selbstverständlich wird. Was soll auch das ganze Cola-, Fanta-, Apfel- oder O-Saft-Gekippe? Was der Mensch am nötigsten benötigt, ist Wasser, und davon kann man Gott sei Dank in unseren Breitengraden so viel bekommen wie man nur will – für mich am liebsten direkt aus dem Hahn. Und am Abend gibt es wieder 200 Gramm Huhn oder Rindfleisch mit gemischtem Gemüse. Warum können so wenig Zutaten eigentlich so gut schmecken? Kann es sein, dass wir unsere Geschmacksnerven oft mit schlechtem Essen zukleistern? Alles Gedanken, die sich einstellen, sei es während der morgendlichen Runde, oder während ich Wasser trinke.
Tag 5: Der zweite Bullet-Tag, wie ich ihn nenne. Ach was soll’s. Ich habe mal ein ähnliches Programm getestet, da gab es zwei, drei Tage gar nichts zu beißen. Heute wartet zumindest am Abend wieder Lachs oder ein weißer Fisch auf mich, außerdem Spinat und geriebener Käse. Die Waage bietet mir 80,2 Kilogramm an. Nicht viel runtergegangen seit gestern. Mir ist es egal. Alles besser als zu Beginn. Überdies meint der Experte Stephan Nüsser, dass ich ja eh nicht übergewichtig gewesen sei, insofern während der Woche wohl nicht so viel Gewicht verlieren würde, wie jemand, der adipös ist. Ach so.

Und es geht weiter abwärts. Zugegeben, Kuchen ist derzeit nicht drin. Aber davon hatte ich Winter eh mehr als genug.

Meine morgendliche Radrunde absolviere ich mit Ruhe. Manchmal denke ich, es fehlt ein wenig die Kraft. Aber anstrengend soll das Sportprogramm während dieser Woche gar nicht sein. Also ruhig bleiben, durchhalten, die frische Luft genießen und die Gedanken schweifen lassen. Man muss ja auch mal zufrieden sein. 80,2 Kilogramm – so leicht war ich seit 20 Jahren nicht mehr! Die sich einstellende Zufriedenheit trägt mich über den Tag. An die Bulletproof-Kaffees habe ich mich längst gewöhnt. Ich freue mich regelrecht darauf und erinnere mich daran, wie meine Oma früher immer ein Ei quirlte und es zum Kaffee gab. „Schrecklich“, wird jetzt mancher denken, ich aber erinnere mich zurück, wie sehr ich dieses Getränk geliebt habe. Lang, lang ist es her.
Tag 6: Und wieder frühes Radfahren. Wieder genieße ich das alleine draußen sein. Es baut auf, wenn man denkt, dass man etwas macht, was viele andere vielleicht nicht schaffen. Früh aufstehen. Aktiv sein. Positive Gedanken strömen lassen. Und heute gibt es nach der Radrunde eine richtige Belohnung: Omelett (drei Eier!), 50 Gramm Käse, 50 Gramm Speck, Kräuter, Salz und Pfeffer nach Geschmack. Wow. Mittags muss noch der Bulletproof-Kaffee herhalten, aber das juckt mich nicht. 79,8 Kilogramm zeigt meine Waage. Ist doch super.
Tatsächlich komme ich trotz aller Ernährungsumstellung und auch -verknappung sehr gut über die Runden. Das mag zum Teil auch an den Supplementen des Programms liegen. Insbesondere die Aminosäuren reduzieren das Hungergefühl zudem kommt es durch die Reduzierung der Kohlehydrate zu einer Sensibilisierung einiger Hormone die das Hungergefühl steuern. Am Abend könnte ich Halloumi-Käse grillen. Weil ich es aber nicht zum Einkaufen schaffe, setze ich wieder auf Huhn und Brokkoli. Hier merke ich auch, was das Programm neben dem Gewichtsverlust leistet: Es sensibilisiert für Nahrungsmittel. Nicht alles was man kriegen und essen kann bringt uns nach vorn. Und mit vielen Dingen, die vielleicht einfach daherkommen, tut man dem Körper etwas Gutes.

Hier ist das Ende der Vivere-Kick-off-Fahnenstange erreicht. 79,3 Kilogramm. Das sind 3,5 Kilogramm Gewichtsverlust in einer Woche – und eine bessere Sicht auf die Ernährung. Das motiviert für die Zukunft.

Tag 7:
79,3 Kilogramm. Das ist ein Ding. Das sind 3,5 Kilogramm in einer Woche. Und tatsächlich ist es mir nicht schwer gefallen. Es gab keinen Tag an dem es nichts zu essen gab. Meine Gravelrunde durch den Wald fühlt sich schon heute sehr gut an. Am Mittag gibt es wieder einmal diesen leckeren Salat mit Avocado und Konsorten. Nein, kein Rind, kein Huhn. Egal. Zum Abendbrot ein Omelett. Warum mache ich das eigentlich nicht öfter?
Nachbetrachtung: Wer es richtig ernst meint, der sollte nach dem Kick-off-Programm weiter auf die Empfehlungen des Vivere-Teams hören. Dauerhaft wird mit der Verknappung von Kohlehydraten das Gewicht gesenkt, ebenso wie der Blutdruck, der Blutzucker und die Cholesterinwerte. Es ist also nicht nur ein Abnehmprogramm sondern hat insbesondere eine gesundheitliche Wirkung. Und sportlich? Alles fühlt sich sehr gut an. Tatsächlich bilde ich mir ein, dass es deutlich leichter nach vorne geht auf dem Bike. Und ich erinnere mich auch noch, dass ich vor Jahresfrist, nach einem ähnlichen Programm, ein 300-Kilometer-Jedermannrennen gefahren bin, bei dem mir gefühlt so viel Energie zur Verfügung stand wie selten zuvor.

Tägliche Radrunden bringen nicht nur Spaß und Fitness, sie geben dem Alltag auch eine gute Struktur.

Ich selbst esse nun auch wieder Brötchen zum Frühstück oder ein Stück Kuchen am Nachmittag. Das mag dem Alltag geschuldet sein. Aber große Teile der besseren Ernährung, und die Gedanken, die ich mir zur besseren Ernährung mache, sind geblieben. Auch konsumiere ich weniger Alkohol als zuvor. Ich liebe es nach wie vor, ein großes Glas Wasser zu trinken – auch zum Abendfilm. Vor allem aber ist auch meine morgendliche Fahrradrunde geblieben, fest verankert in meinen Alltag. Vivere180 hat mir also nicht nur geholfen, abzunehmen, es hat mein Denken beeinflusst. Das ist auch, was Stephan Nüsser betont: „Das Programm ist gut umsetzbar und motiviert auch langfristig zu einer durchführbaren kohlehydratreduzierten Ernährungsumstellung.“ Also los?!