"Finger weg von Kabelschlössern“

So finden Sie das beste Fahrradschloss

Wir haben 12 Fahrradschlösser beim Prüfinstitut Hermes Hansecontrol getestet. Mit den Produktexperten aus dem Testlabor haben wir die Ergebnisse besprochen.

Datum:
Fahrradschloss-Test

Die Hochsicherheitsschlösser haben wir im Test mit einem Bolzenschneider nicht öffnen können.

Alexander_Meike

Alexander Meike ist Experte für Produktsicherheit beim Prüfinstitut Hermes Hansecontrol.

Herr Meike, Sie haben für uns Fahrradschlösser getestet. Macht es überhaupt einen großen Unterschied, welches Fahrradschloss ich mir zulege?
Ja, durchaus: Einige Schlösser haben konstruktionsbedingt Stärken und Schwächen. Der Verschließmechanismus ist uns oft ins Auge gefallen, insbesondere bei den Faltschlössern.
Sind Faltschlösser unsicherer als Bügel- oder Kettenschlösser?
Auch da kommt es auf die Qualität an. Wir haben beim Test gesehen, dass die preiswerteren Faltschlösser nicht so gut performen. Allein schon durch die Härte des Materials und die Widerstandsfähigkeit gegen normales Werkzeug.
Beim Faltschloss gewinnt man Flexibilität in der Anwendung. Dafür gibt es mehr Drehpunkte, Gelenke, die Schwachpunkte sein können. Je nachdem, wie die ausgeführt sind. Das hat man beim Bügelschloss nicht, da gibt es nur einen starren, massiven Büge, keine Schwachstellen und Angriffspunkte, höchstens am Schließzylinder.
Aber die Sicherheit allein ist kein Kaufargument.
Die Handhabung ist auch entscheidend beim Kauf. Möchte ich ein sicheres Bügelschloss oder das vielleicht doppelt so schwere Kettenschloss, das wiederum ist flexibler und länger. Will ich das Schloss am Rad mitnehmen, will ich es um die Hüfte tragen oder in den Rucksack stecken? Es gibt sogar spezielle Gürtel-Schlösser.
Gibt es bei den verwendeten Materialien große Unterschiede?
Es geht natürlich um die Härte: Ob der Bolzenschneider gut "reinbeißen" kann, hängt von der Beschaffenheit der Oberfläche ab.

Qualitätsunterschiede bei Fahrradschlössern

Wie leicht ist es generell ein Fahrradschloss zu knacken?
Die Hochsicherheitsschlösser haben wir nur mit der Flex durchbekommen. Auch ein Bolzenschneider ist bei den guten Modellen schnell an der Grenze, da wird die Schneide stumpf. Von außen sieht man dem Schloss aber nicht an, ob es hart ist oder nicht. Wenn man das Schloss im Laden in die Hand nimmt, kann man das nicht erkennen.
Kann man aus dem Gewicht Rückschlüsse auf die Sicherheit ziehen?
Ein Schloss im Test war aus Aluminium, das ist spürbar leichter und bietet nur wenig Sicherheit. Da muss jeder Anwender entscheiden, ob es das Rad sichern soll oder eher eine optische Hürde für Gelegenheitsdiebe darstellen soll.
Ein Gürtel-Schloss hat überraschend gut abgeschnitten.
Das besteht aus vielen kleinen Kabeln, die dem Bolzenschneider erstaunlich viel Widerstand bieten. Allerdings könnte man es mit etwas Geduld aufbekommen, wenn man die einzelnen Stränge mit einem scharfen Werkzeug durchtrennt.
Werkzeug_Schlosstest

Bolzenschneider, Seitenschneider, Hammer und Schlagschraubendreher, Metallsäge, Lockpicking-Besteck sowie Akku-Winkelschleifer: Mit diesem Waffenarsenal haben wir die Fahrradschlösser im Test angegriffen.

Ist das eine Alternative zu den klassischen Modellen?
Es könnte eine Alternative sein. Von herkömmlichen Kabelschlössern halte ich gar nichts, weil die mit einem Bolzenschneider schnell durchgetrennt sind. Finger weg von Kabelschlössern. Bei dem Gürtel-Schloss sticht die breite Form heraus, das bremst schon beim Knacken. Aber auch dieses Schloss war dem Winkelschleifer am Ende nicht gewachsen.
Der Akku-Winkelschleifer ist immer die Ultima-Ratio?
Ja, aber auch am auffälligsten, wenn man das draußen in der Öffentlichkeit ansetzt. Bei Jemandem, der „professionell“ Fahrräder klaut, kann ich mir auch gut vorstellen, dass er keine Hemmungen hat, das zu benutzen.

Fahrradschlösser: Wie gefährlich ist Lockpicking?

Wir haben die Schlösser auch mit Lockpicking angegriffen, wie groß ist diese Gefahr?
Beim Lockpicking wird mit kleinen Spezial-Stiften versucht, den Schließzylinder ohne passenden Schlüssel zu öffnen. Dafür braucht man etwas Übung und das passende Werkzeug. Ich kann mir aber nur schwer vorstellen, dass ein Fahrraddieb im Halbdunkeln und in der Öffentlichkeit mit Lockpicking arbeitet. Diese Gefahr ist eher theoretischer Art.
Hat sich bei den Fahrradschlössern in den letzten Jahren viel getan? Gibt es neue Entwicklungen?
Was sich über die Jahre verändert hat sind die Schließmechanismen. Scheibenschlösser oder Drehscheibenzylinder lassen eine geringe Baugröße und hohe Sicherheit zu, der Schlüssel ist breit und robust, kann also auch nicht so schnell verbiegen oder brechen.
Viel getan hat sich im Bereich der Handhabung: Die Faltschlösser sind aufgekommen und es gibt Kettenschlösser, die man zum Beispiel als Gürtel tragen kann. Es gibt auch Innovationen im Bereich der Werkstoffe, einige Start-ups setzen auf spezielle Kevlar-Fasern für ihre Kabelschlösser.
Wie ist es mit der Lebensdauer von Fahrradschlössern, gibt es Teile, die sich irgendwann abnutzen?
Witterungsbedingt ist der Schließmechanismus am ehesten beeinträchtigt. Dem sollte man ab und zu einen Tropfen Öl gönnen. Besser noch ist Graphitpulver, weil sich da weniger Dreck sammelt als bei Öl. Kriechöl oder ähnliches sollte nur bei fest sitzenden Schließmechanismen zum Einsatz kommen oder wenn das Graphitpulver nicht mehr hilft. Besonders wenn ein Schloss anfängt zu hakeln sollte man nicht mehr lange warten, sonst steht man irgendwann doof da und kriegt sein Fahrrad nicht mehr auf.
Zuletzt noch ein paar Tipps: Wie schließe ich mein Fahrrad am besten an?
Der Klassiker ist das Schloss möglichst hoch ansetzen, um keinem Bolzenschneider einen Hebel zu bieten. Nicht am Vorderrad anketten, sondern immer das hintere Rahmendreieck. Denn dann hat man immer Hinterrad und Rahmen gesichert. Zwei Schlösser zu verwenden halte ich für nicht praktikabel, das macht wohl niemand freiwillig. Spezielle Schlossachsen können auch helfen, die Laufräder zu sichern, das ist eine gute Ergänzung zum Fahrradschloss. Und wer ein hochwertiges Fahrrad hat, kann sich auch einen versteckten GPS-Tracker einbauen lassen. Das nimmt vielleicht zusätzlich die Angst sein Rad zu verlieren.
Lennart Klocke

von Lennart Klocke

Zwei schmale Reifen, ein tiefer Lenker und eine freie Landstraße: Mehr braucht Lennart Klocke nicht zum Glücklichsein. Als BIKE BILD-Autor testet der Rennrad-Fan am liebsten neues Equipment und Fahrrad-Gadgets.