Kommentar

Wie viele Ghostbikes müssen noch aufgestellt werden?

Wieder wurde ein Radfahrer von einem rechts abbiegenden Lkw getötet. BIKE BILD-Redakteur Lennart Klocke ist zur Mahnwache gegangen und findet es unfassbar, dass dieser menschenfeindliche Straßenverkehr immer noch toleriert wird. Ein Kommentar.

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Ghostbike

Ein Ghostbike verbleibt am Ort des Unfalls und erinnert an den Verstorbenen.

Die neue Woche hätte in Hamburg kaum schlechter beginnen können: Am Montagmorgen wurde ein 76-jähriger Radfahrer von einem rechts abbiegenden Lkw der Müllentsorgung getötet. Das Opfer verstarb noch an der Unfallstelle.
Am Abend des nächsten Tages findet eine Mahnwache, organisiert vom ADFC Hamburg, am Ort des Geschehens statt. Geschätzt 50 bis 60 Radfahrer sind gekommen, ich bin darunter. Die Protestierenden legen sich auf die von der Polizei abgesperrte Kreuzung, um ein Zeichen gegen die tödlichen Gefahren unseres Straßenverkehrs zu setzen. Ich komme kurz meiner redaktionellen Pflicht nach und mache ein paar Fotos, dann lege ich mich neben die Gruppe auf den nassen, kalten Asphalt und schaue in den dunklen Himmel.
Liegende Radfahrer auf der Kreuzung

Protest und Mahnwache zugleich: Für ein paar Minuten halten die Radfahrer an der Unglückskreuzung den Verkehr an und erinnern an den Toten.

Über 30 Menschen werden jedes Jahr von abbiegenden Lkw getötet. Hinzu kommt: Vom Verkehrstod eines Menschen sind, laut einer Erhebung des Bundesverkehrsministeriums, 113 Menschen betroffen: Angehörige, Zeugen, Freunde und Bekannte sowie Einsatzkräfte. 113 Menschen, die diese Woche Trauer, Ohnmacht und furchtbare Bilder am Unfallort bewältigen müssen. Dazu ein 22-jähriger Lkw-Fahrer, der den Rest seines Lebens mit der Schuld leben werden muss, einen Moment im Straßenverkehr unaufmerksam gewesen zu sein – und seine beiden Mitfahrer, die ebenfalls mit den Geräuschen und Bildern eines brutalen Unfalltods konfrontiert wurden. Diesen Moment mag ich mir gar nicht vorstellen.

Ein Ghostbike als Erinnerung und Mahnung

Nach ein paar Minuten liegend auf dem Asphalt stehen wir wieder auf. Die Organisatoren haben ein Ghostbike mitgebracht, ein komplett weiß angemaltes Fahrrad. Es soll als Mahnmal am Unfallort aufgestellt werden, an einer trostlosen Planke am Straßenrand, direkt neben einer Rechtsabbiegerspur.
Die Ecke Wendemuthstraße Rüterstraße im Hamburger Stadtteil Wandsbek ist ein furchtbarer Ort: Jeden Morgen schiebt sich eine Blechlawine auf zwei Spuren in Richtung Innenstadt, abends geht es in die andere Richtung wieder raus. Neben vielen Einfallstraßen gibt es auch Radwege, aber die sind aufgrund unzähliger Schlaglöcher und Hubbel in einem katastrophalen Zustand. Dazu immer wieder Ausfahrten, Bushaltestellen, Querverkehr.
Das alles steht sinnbildlich für das, was in deutschen Städten immer noch und schon viel zu lange falsch läuft: Die Infrastruktur, unsere Verkehrswege, ist nicht für Fahrradfahrer ausgelegt. Unser Verkehrswesen fordert Tote und erschüttert das Leben unzähliger Betroffener. Warum schaffen wir es nur in quälend langsamem Tempo Radwege anzulegen und können uns nicht aus der Autostadt der 60er-Jahre herausdenken? Schwer vorstellbar, dass dieser Unfall auf einer Kreuzung mit baulich getrennten Radspuren und fahrradfreundlichen Ampelphasen passiert wäre. Selbst menschliches Fehlverhalten, radeln bei Rot oder Unaufmerksamkeit beim Abbiegen, nimmt dann nicht einen derart tragischen Verlauf.
Und ja, auch ein elektronischer Abbiegeassistent im Lkw hätte diesen Unfall möglicherweise verhindern können. Aber die Sache ist doch: Abbiegeassistenten lösen ein Problem, das wir gar nicht haben sollten. Wenn unsere Verkehrsführung intelligenter und fahrradfreundlicher wäre!
Auf dem Rückweg von der Mahnwache frage ich mich, ein wenig zynisch, wie viele Ghostbikes und Trauerkerzen der ADFC wohl noch auf Lager hat. Denn es wird nicht der letzte tragische Unfall dieser Art gewesen sein. Bis dahin bleibt nur der Rat an alle Radfahrer: Leute, passt in diesem irrsinnigen Straßenverkehr auf euch auf!
Lennart Klocke

von Lennart Klocke

Zwei schmale Reifen, ein tiefer Lenker und eine freie Landstraße: Mehr braucht Lennart Klocke nicht zum Glücklichsein. Als BIKE BILD-Autor testet der Rennrad-Fan am liebsten neues Equipment und Fahrrad-Gadgets.