Fahrradbranche im Corona-Jahr

Ortlieb: Rekordverdächtige Nachfrage im Fahrradsommer

Fahrräder und Zubehör sind 2020 gefragt wie nie. Einer der Profiteure ist der deutsche Gepäcktaschen-Hersteller Ortlieb.

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Ortlieb

Gepäcktaschen von Ortlieb genießen bei Radfahrern aufgrund ihrer Langlebigkeit und wasserdichten Konstruktion einen ausgezeichneten Ruf.

Den Fahrradboom im Corona-Jahr erlebt Martin Esslinger jeden Tag in seiner Heimat in Franken: Die Radwege seien voll, sowohl bei den Pendlern als auch bei den Radreisenden ist das Aufkommen gestiegen. Dass mehr Menschen in Deutschland Fahrrad fahren, sieht Martin Esslinger auch bei seiner Arbeit und den Verkaufszahlen seines Unternehmens: Er ist Vertriebsleiter von Ortlieb. Die Firma gehört zu den führenden Herstellern von Gepäcktaschen, die bei eben jenen Pendlern und Reiseradlern beliebt sind. Auch im Bereich Bikepacking-Taschen gehört die Firma aus Heilsbronn bei Nürnberg zu den wichtigsten Akteuren.

Wettbewerbsvorteil Deutschland

Esslinger sagt: „Dass das Fahrrad Krisengewinner würde, war zu Beginn der Corona-Krise keinem von uns bewusst.“ Inzwischen komme man bei Ortlieb, so Esslinger, mit der Produktion nicht mehr hinterher. Gepäcktaschen wie der Bestseller Backroller genießen bei Radfahrern aufgrund ihrer Langlebigkeit und wasserdichten Konstruktion einen ausgezeichneten Ruf. Die Nachfrage nach den Ortlieb-Produkten ist in den Corona-Monaten durch die Decke gegangen. Zunächst stieg der Absatz der Pendlertaschen, mehr Menschen entdeckten das Fahrrad als Verkehrsmittel. Jetzt im Sommer sind sowohl Pendler- als auch Reiseprodukte gefragt. Auch das Interesse an Taschen für Radsportler wachse. Die Bikepacking- oder Gravel-Produkte – schmale, sportliche Taschen für den Lenker, den Rahmen und die Sattelstütze – werden von mehr und mehr Kunden entdeckt und für nützlich befunden. „Gravel entwickelt sich weg vom Extremen“, so die Erkenntnis vom Ortlieb-Vertriebsleiter.

Galerie: Zehn Packtaschen im Test

Kein Wunder, dass die betriebliche Situation bei Ortlieb besser ist als bei vielen anderen Unternehmen im Corona-Jahr: Das deutsche Traditionsunternehmen hat im Frühling keine Kurzarbeit angemeldet, auch wenn die Lagerkapazität am Standort Heilsbronn während des landesweiten Stillstands kurz an ihre Grenzen kam. Dann kam das Fahrrad-Frühjahr mit bestem Wetter und der reißende Absatz begann. „Im Nachgang haben wir genau die richtige Entscheidung getroffen“, resümiert Esslinger. Ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil ist die Produktion in Deutschland. Während die Mitbewerber auf Ware aus Asien warten mussten, lief der Betrieb bei Ortlieb einfach weiter.

Gefahr der zweiten Corona-Welle

„Unsere Perspektive für das Jahr 2020 ist sehr positiv, wir beklagen uns nicht.“ Für Esslinger und Ortlieb kommt es jetzt darauf an, die hohe Nachfrage zu bedienen, wenngleich man nicht alle Bestellungen, die momentan eintreffen, bedienen kann. Die Gefahr, dass aus diesen Luxusproblemen echte Probleme werden, wird bei Ortlieb nicht unterschätzt. Käme es zu einer zweiten Corona-Welle mit Quarantäne-Maßnahmen und womöglich Infektionen im Betrieb, wäre dies auch in der aktuellen wirtschaftlichen Situation nicht leicht zu verkraften. Bislang sei man gut durchs Jahr gekommen. Im Bereich Investitionen ist man beim Taschenhersteller aus Heilsbronn dennoch zurückhaltend. Die Gefahr, den wirtschaftlichen Erfolg im Zuge des Pandemie-Geschehens wieder einzubüßen, ist einfach zu groß.