Interview mit Michael Bottlang

Neue Helm-Technologie: "Am Ende zählen nur Daten"

Warum soll die so genannte WaveCel-Dämpfung (bisher nur in Bontrager-Helmen erhältlich) so viel besser sein als die Helmpolsterung der Konkurrenz? Wir haben beim Entwickler Michael Bottlang nachgehakt.

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Ingenieur Michael Bottlang spricht über die Vorteile der neuen WaveCel-Dämpfung.

Michael Bottlang ist Forscher aus Leidenschaft. Man sieht es ihm an: Wenn der 51-Jährige über Aufprallwinkel, Rotationsbeschleunigungen und High-Performance-Co-Polymer-Kunststoffe spricht, leuchten seine Augen. Gerade hat der gebürtige Radolfzeller in New York City seine neueste Erfindung vorgestellt: Eine momentan nur in Bontrager-Helmen erhältliche Dämpfung, die Gehirnerschütterungen bei Stürzen entscheidend minimieren soll. Warum aber soll die so genannte WaveCel-Dämpfung so viel besser sein als die Helmpolsterung der Konkurrenz? BIKE BILD hat bei Bottlang nachgehakt.
Herr Bottlang, wie kamen Sie als biomechanischer Ingenieur, der sich bisher vor allem mit Metallschienen im medizinischen Sektor einen Namen machte, auf die Idee, an einem Fahrradhelm zu forschen?
Michael Bottlang: Mein Institut in Portland hat sich an einer Ausschreibung beteiligt und Forschungsgelder von der US-Regierung erhalten, um Gehirnverletzungen bei Stürzen mit dem Rad zu reduzieren. Der Hintergrund ist, dass der Großteil von Verletzungen beim Radfahren Gehirnerschütterungen sind. Wir wussten zu Beginn aber noch gar nicht, ob am Ende ein Helm die Lösung sein würde. Wir wollten einfach nur irgendetwas entwickeln, das Hirnverletzungen verhindert. Dass die insgesamt gut 15-jährige Entwicklungsarbeit nun auch in einem Produkt mündet, ist natürlich perfekt für uns.
Können Sie unseren Lesern erklären, was genau Ihre Dämpfung von der bisher in Helmen verwendeten unterscheidet?
Bisherige Helme schützen die Schädelknochen vor einem direkten Einschlag. Das relativ weiche Gehirn wird jedoch hauptsächlich durch Rotationskräfte beschädigt. WaveCel ist das Ergebnis von 15 Jahren Helmforschung, um Rotationskräfte besser zu dämpfen. Sie ist eine dreidimensionale Matrix, die wir speziell für Helme entwickelt haben, um Rotationskräfte zu dämpfen. Die geordnete Struktur von WaveCel-Zellen kann Energie effektiver absorbieren als Styropor. Zudem ist WaveCel flexibel und bildet ein Rotationsdämpfungssystem. Wie effektiv dieses System ist, kann man am besten in unserem Video, das die Rotationskräfte im Gehirn eines Kopf-Models in Zeitlupe veranschaulicht – mit und ohne WaveCel.

Zwischen der Helmschale und dem gepolsterten Innenleben steckt eine 1,5 Zentimeter hohe Kunststoffschicht, die WaveCel.

Aber fehlt der mit 1,5 Zentimetern relativ hohe Aufbau der WaveCel dann nicht bei der Dämpfung?
Keinesfalls. Da WaveCel besser dämpft als Styropor hat man bei gleicher Dicke der Helmschale einen besseren Schutz.
Durch die nach oben offenen und unten fast auf den Haaren aufliegende, wabenförmige WaveCel ist die Lüftung des Helmes gegenüber bisherigen Konstruktionen naturgemäß eingeschränkt. Fährt man mit der WaveCel mit einem heißen Kopf?
Ich radle oft mit meinem WaveCel-Helm zur Arbeit und behalte einen kühlen Kopf. Das Material ist zu 93 Prozent offenporig und erlaubt eine gute Konvektion zwischen dem Kopf und den großen Lüftungsportalen in der Helmschale.
Nun haben Sie ja vermutlich auch die Reaktion der Helm-Konkurrenten gelesen. Vor allem das Dämpfungsverhalten wurde skeptisch beurteilt. Was meinen Sie dazu?
Wir haben viele Helme mit und ohne die WaveCel-Technologie unter verschiedenen Aufschlaggeschwindigkeiten und Aufschlagwinkeln getestet. Die Testergebnisse wurden in wissenschaftlichen Journalen nach einem intensiven Peer-Review veröffentlicht und sind frei erhältlich. Als Forscher und Direktor des Legacy Biomechanics-Laboratories in Portland ist es mir besonders wichtig, dass unsere Ergebnisse klar und deutlich für jeden zugänglich sind. Wir haben auch mit verschiedenen Universitäten zusammengearbeitet, um WaveCel zu testen. Am Ende zählen nur die Daten. Wenn ein Mitbewerber bessere Daten veröffentlichen kann, werde ich gern mit einem anderen Helm Fahrradfahren. Aber bisher habe ich noch keine besseren Daten gesehen, und nur sehr wenige Hersteller veröffentlichen Daten und Testberichte.

Auch von Außen ist die WaveCel erkennbar.

Helm-Hersteller wie Giro stellten zuletzt ähnliche Konzepte, die Gehirnerschütterungen vermeiden sollen, vor. Was ist an der WaveCel besser?
Ich nehme an, Sie meinen Slipliner, die im Helm rutschen können. Diesen Ansatz haben wir schon 2003 erforscht. Ein Slipliner kann Rotationskräfte bei einem leichten Aufprall reduzieren. Aber bei stärkeren Aufprallkräften rutscht der Slipliner nicht mehr so gut, oder gar nicht. Nachdem wir das erkannt hatten, haben wir intensiv nach neuen Konzepten geforscht, die auch bei starken Aufprällen noch effektiv funktionieren. Das Ergebnis war die drei-dimensionale WaveCel-Matrix, die Rotationskräfte bei leichten, aber auch bei starken Aufschlägen absorbiert, indem sie in sich zuerst faltet und dann im Helm gleiten kann.
Fürchten Sie für die baldige Zukunft Nachbauten der WaveCel oder ähnliche Konzepte zum Schutz vor Gehirnerschütterungen?
Nein (lacht). Jeder, der das besser machen kann, ist ein guter Ingenieur. Was mich an der ganzen Sache freut, ist ohnehin etwas ganz Anderes. Kein Helm kann einen Aufprall verhindern. Aber jeder weiß jetzt, dass die Beschleunigung des Gehirns neben der Bruchfestigkeit das eigentliche Thema bei der Helmkonstruktion ist.

Michael Bottlang

Zur Person: Dr. Michael Bottlang

Eigentlich kommt er vom Bodensee. Dr. Michael Bottlang stammt aus Radolfzell, ist Badenser, aber längst in den USA angekommen. Er ist der Gründer von Legacy Biomechanics Laboratory in Portland im Bundesstaat Oregon. Nach langem Kampf und dem Gewinn der Ausschreibungen wird seine Forschungsarbeit seit 2002 von den amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstituten und dem US-Verteidigungsministerium finanziell gefördert. Neben der Neuentwicklung von WaveCell für den Radhelm ist er vor allem auf ein ganz anderes, von ihm entwickeltes Produkt stolz: Einer Metallschiene, mit der gravierende, normalerweise ernsthaft lebensgefährdende Rippenverletzungen stabilisiert werden können.