Besserer Schutz bei Stürzen

WaveCel: Neue Helmtechnologie von Bontrager vorgestellt

Ein neues Helmmaterial soll Gehirnerschütterungen bei Stürzen deutlich wirksamer vorbeugen als herkömmlicher Schaumstoff. WaveCel von der Trek-Tochter Bontrager kommt in Helmen für alle Radsportarten zum Einsatz. BIKE BILD war bei der Präsentation in New York vor Ort und hat mit Entwicklern und Verantwortlichen gesprochen.

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Neuer WaveCel Helm

Anstelle von Schaumstoff befindet sich im Inneren von WaveCel-Helmen flexible Kunststoffwellen.

Ist das tatsächlich die Neuerfindung des Fahrradhelmes? Ein künftiger neuer Standard? Die drei Seiten lange Geheimhaltungsverpflichtung vor dem Tag der Vorstellung deutet jedenfalls darauf hin. Als der amerikanische Bike-Hersteller Trek in New York dann seinen neuen Helm unter der Marke Bontrager präsentiert, ist auf den ersten Blick vor allem eines klar: Endlich ein Helm, bei dem auch das Innenleben cool aussieht! Was aber ist die tatsächliche, angeblich so revolutionäre Neuheit? Bike Bild war vor Ort und hat nachgefragt.
Das Geheimnis: Zwischen der Helmschale und dem gepolsterten Innenleben steckt eine 1,5 Zentimeter hohe Kunststoffschicht, die WaveCel. In schrilles Neon gefärbt, erinnert sie von der Struktur her ein wenig an eine in eine Wellenform gezogene Honigwabe.

Zwischen der Helmschale und dem gepolsterten Innenleben steckt eine 1,5 Zentimeter hohe Kunststoffschicht, die WaveCel.

Zwischenschicht aus CO-Polymer

Die in der Helmschale integrierte Zwischenschicht aus CO-Polymer erfüllt gleich zwei Funktionen: Im Falle eines Unfalls dämpft die dem Kopf nähere erste Hälfte der „Waben“ den Aufprall , in dem sie sich zusammenstaucht. Entscheidend ist allerdings, dass Bruchteile von Sekunden später der zweite Teil des Konstrukts schräg einklappt und dadurch die jetzt noch vorhandene Aufprallenergie ablenkt.
„Wir erreichen damit eine Bewegung des Kopfes im Helm von gut fünf Zentimetern“, sagt der deutsche Ingenieur Michael Bottlang. Sein Institut, das er in Portland gründete, hat die die Dämpfung in Zusammenarbeit mit dem Chirurgen Stephen Madey entwickelt: „Beim Aufprall des Kopfes mit gut 22 Stundenkilometern ist die Rotation des Gehirns um 73 Prozent geringer als mit einem normalen Helm.“ Es sei entscheidend gewesen, erklärt er, diese Rotation zu minimieren.
Das anschaulichste Beispiel für die Funktion der „Wabe“ ist für den gebürtigen Radolfzeller der Test mit einem Dummy, dessen Kopf mit Wasser und einem rohen Eigelb gefüllt wurde. „Mit einem konventionellen Helm zerplatzte das Eigelb bei einem simulierten Aufprall, beim Helm mit der Waben-Technologie blieb es intakt“, beschreibt er die Wirkungsweise, die er auch in einem Video demonstriert.
Der Helmhersteller Giro hat mit der MIPS Spherical-Technologie ebenfalls ein Produkt auf dem Markt, das die Rotation des Gehirns verhindert. Im Gegensatz zu den beiden voneinander unabhängigen Helmschalen, die bei Giro die Sturzenergie ablenken, dämpft die WaveCel allerdings bereits den Aufprall, indem sich die Zelle staucht. Erst danach wird die restliche Energie mit der Seitwärtsbewegung der Zellen reduziert.

Eigentlich kommt er vom Bodensee. Dr. Michael Bottlang stammt aus Radolfzell, ist Badenser, aber längst in den USA angekommen. Er ist der Gründer von Legacy Biomechanics Laboratory in Portland im Bundesstaat Oregon. Nach langem Kampf und dem Gewinn der Ausschreibungen wird seine Forschungsarbeit seit 2002 von den amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstituten und dem US-Verteidigungsministerium finanziell gefördert. Neben der Neuentwicklung von WaveCell für den Radhelm ist er vor allem auf ein ganz anderes, von ihm entwickeltes Produkt stolz: Einer Metallschiene, mit der gravierende, normalerweise ernsthaft lebensgefährdende Rippenverletzungen stabilisiert werden können.

Lange Entwicklungszeit

Bottlang forscht seit 2004 an der neuen Dämpfung, die nun, nach 15-jähriger Entwicklungsarbeit auch in einem Produkt mündet. „Wir haben damals Forschungsgelder von der US-Regierung erhalten, um Gehirnverletzungen bei Stürzen mit dem Rad zu reduzieren“, sagt er. Der Hintergrund des Forschungsauftrages war, dass Gehirnerschütterungen noch immer einen Großteil der Verletzungen bei Radunfällen sind.
Damals war der Radausrüster Trek noch lange nicht an Bord. „Die Zusammenarbeit begann erst vor fünf Jahren“, erinnert sich Bottlang: „Bis dahin ging es uns als Forschern ausschließlich darum, eine Möglichkeit zu finden, Gehirnverletzungen zu vermeiden.“

WaveCel: 48-mal wirksamer als Schaumstoff

Das Besondere an dem WaveCel-Material sei, dass es Aufprallenergie auf vielfache Weise absorbieren könne. Bei einem Aufprall bewegen sich die Zellschichten in alle Richtungen, so der Hersteller. Aufprall- und Rotationsenergie sollen so noch besser vom Kopf abgelenkt werden. Bei fahrradtypischen Unfällen sei das Risiko auf eine Gehirnerschütterung mit einem WaveCel-Helm um 48 % geringer – behauptet die Trek-Tochter.

Vier Modelle mit WaveCel erhältlich

  • XXX WaveCel Rennradhelm 249.99 Euro
  • Blaze WaveCel MTB-Helm 249.99 Euro
  • Specter WaveCel Rennradhelm 149.99 Euro
  • Charge WaveCel Commuterhelm 149.99 Euro
Charge WaveCel

Äußerlich unterscheiden sich die Kopfschützer mit der neuen Sicherheitstechnologie nicht von bekannten Fahrradhelmen. Hier im Bild: Das Pendler-Modell "Charge".

Einschätzung von BIKE BILD

Bei neuen Produkten ist es nicht anders als sonst auch im Leben: Je größer die Versprechungen sind, umso größere Vorsicht ist auch geboten. Schließlich geht es für einen Hersteller nicht nur um technische Fortschritte, sondern auch um knallharte wirtschaftliche Interessen. Das ist beim neuen WaveCel-Helm von Bontrager nicht anders.
Doch bei Preisen zwischen 150 und 250 Euro darf der Kunde auch mehr erwarten als nur Standard. Bei dem mit der Wabenzelle ausgestatteten WaveCel-Helm scheint dies der Fall zu sein. BIKE BILD hat den neuen Helm gesehen, getestet und sich die Funktion erklären lassen. Die Entwicklung des Deutschen Ingenieurs Michael Bootlang wirkt absolut überzeugend. Im Gegensatz zu herkömmlichen Helmen, die vor allem äußere Kopfverletzungen oder Schädelbrüche vermeiden, wird mit der „Wabe“ die Rotation des Gehirns beim Aufprall reduziert. Gehirnerschütterungen werden laut Bootlang um gut 70 Prozent reduziert. Im Gegensatz zur MIPS Spherical-Technologie von Giro, bei der ebenfalls die Rotation reduziert wird, reduziert die „Wabe“ aber zusätzlich auch noch die Aufprallenergie.
Sollten in nächster Zeit nicht alle Tests und Studien ernsthaft widerlegt werden, könnte es dem Mann vom Bodensee und seinem Institut in Portland daher tatsächlich gelungen sein, einen neuen Standard für die Verletzungs-Prävention mit Rad-Helmen zu setzen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass andere Helmhersteller schnell mit ähnlichen Produkten oder Lizenzprodukten nachziehen werden.