Fe226, Poc, Castelli

3 sportliche Gravel-Trikots im Test

Lange Strecken und häufige Temperatursprünge bringen Fahrradtrikots während einer Graveltour an die Grenzen. Wir haben drei für den Offroadeinsatz empfehlenswerte und im Detail doch recht unterschiedliche Trikots getestet.

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Von links nach rechts: Fe226 Dryride Bike Jersey (159 Euro), Poc Resistance Jersey (160 Euro), Castelli Unlimited Jersey (99,95 Euro).

Gravel wird immer mehr zum Schlagwort fürs Sorglos-Abenteuer. Ab in Wald, auf unbekannten Pfaden radeln, Blick und Gedanken schweifen und dabei Sorgen ziehen lassen, hierfür steht die Radgattung mit den sechs Buchstaben wie keine andere. Sorglos ist das richtige Stichwort, wenn es um die Anforderung an die entsprechende Bekleidung geht. Sportlich, atmungsaktiv und bequem, gleichzeitig wärmend und funktional sollte das perfekte Gravel-Trikot sein – denn auf Touren wandelt sich gern mal das Wetter, genauso auch der Puls, der sich dem Geläuf oder der Steigung nach oben und unten anpasst. Das Radtrikot hat es hier besonders schwer, ordentlich zu performen, weil ihm viel abverlangt wird. Billig-Textilien werden schnell versagen, sich vollsaugen oder nicht adäquat vor äußeren Einflüssen schützen. Der Spaß bleibt dann auf der Strecke. Aus diesem Grund haben wir uns drei sportliche Qualitäts-Jerseys für Gravelbiker angeschaut.

Das Dryride Bike Jersey Short Sleeves von Fe226 für 159 Euro ist in zwei Farben erhältlich: blau (abgebildet) und schwarz.

Dryride Bike Jersey Short Sleeves von Fe226 im Test

Den Anfang macht das Merino-Jersey der noch jungen Marke Fe226. Zwar ist das Trikot nicht explizit für den Graveleinsatz ausgeschrieben – Fe226 hat seine Wurzeln im Triathlon –, dennoch finden wir, dass es wunderbar in diesen Kontext passt. Grund hierfür ist, dass das Trikot zu 100 Prozent aus Merinowolle besteht. Der Clou: An warmen Tagen kühlt die Wolle, an kühlen wärmt sie. Über Merino haben wir uns an dieser und auch an dieser Stelle bereits ausführlich ausgelassen. Die Kurzfassung: eine tolle Faser, die viele Vorteile bietet, allerdings an ihre Grenzen stößt, wenn sie sich mit Wasser erstmal vollgesaugt hat und dann die Temperaturen sinken und/oder kühler Wind einsetzt.
Überzeugt hat vor allem die Passform (Achtung, besser eine Nummer kleiner bestellen, Fe226 fällt insgesamt sehr groß aus): Das Jersey trägt sich – die Formulierung ist ausgelutscht, trifft aber den Nagel – wie eine zweite Haut, kaum wahrnehmbar schmiegt es sich wohlig und wollig an die Haut oder über den Baselayer. Auch dieses Trikot unterstreicht wieder, dass in puncto Komfort Merinowolle unschlagbar ist. Trumpf ist außerdem, dass Merino keine unangenehme Gerüche entwickelt. Das dürfte für Bikepacker auf Mehrtages-Trips interessant sein, da dort kaum die Möglichkeit des Waschens besteht. Einfach über Nacht aufhängen und trocknen lassen – weiter geht's am nächsten Tag, nahezu frisch und ohne unangenehme Gerüche. Praktische Elemente an diesem Trikot sind die Reißverschlusstasche für Wertsachen sowie der über die gesamte Breite gehende Reflexstreifen und auch das reflektierende Logo, womit man auch im Dunkeln gesehen wird. Drei große, indes wenig dehnbare Rückentaschen bieten Platz für Smartphone, Energieriegel und Arm- und Beinlinge.
Fazit: Für uns eine klare Empfehlung bei milden und stabilen Temperaturen von 10 bis 20 Grad, vor allem auf langen Touren, wo keine Waschmöglichkeiten bestehen. Vielschwitzer sollten das Jersey mit einem dünnen Baselayer kombinieren. Obacht bei der Größe! Wer es sportlich geschnitten mag, sollte eine Nummer kleiner bestellen. Ein Traum – man muss es so deutlich loben – sind Passform und Trageeigenschaften. Einmal dieses Merino-Jersey getragen, wird es zum immer wiederkehrenden Begleiter auf längeren Radtouren werden. Wer lange Spaß am 159 Euro teuren Shirt haben will, sollte es am besten nur mit kaltem Wasser und per Handwäsche reinigen. Ja, Merino macht's möglich!
Weitere Infos: www.fe226.com

Das Jersey Unlimited von Castelli ist deutlich günstiger als die Konkurrenz. 99,95 Euro kostet das Trikot.

Castelli Unlimited Jersey im Test

Der italienische Bekleidungshersteller Castelli steht für Performance: Beim Radsportteam Ineos und bei ambitionierten Triathleten sticht Castelli mit aerodynamischen Obermaterialien und sportlichen Passformen heraus. Doch klar ist auch, dass sich der italienische Traditionalist gegenüber dem Gravel-Trend nicht verschließen kann. Die Unlimited-Kollektion ist speziell auf Gravel ausgerichtet, wenngleich Castelli gleich mal seine eigene Interpretation des Offroad-Trends antextet: „Wir drehen nicht gleich durch, wenn das Wort "Gravel" fällt. Wir fahren gerne "offroad", aber wir halten nichts davon, wie in der Fahrradbranche daraus gerade eine neue Sportart gemacht wird. (…) Wir von Castelli nennen das Radfahren auf allen möglichen Untergründen lieber "Unlimited". Wir rollen über einen Mix aus asphaltierten und nicht asphaltierten Wegen – aber wir fahren dabei immer noch so hart und anspruchsvoll, wie wir es auch von unserer Kleidung erwarten.“ Gut gebrüllt, doch inwieweit unterscheidet sich das Unlimited-Trikot von einem klassischen Rennrad-Jersey?
Die Unterschiede machen die Details: An den Ärmeln und Schulter ist das Material extra reißfest, falls man im Wald mal einen Ast streift. Auch der Polyester am Torso ist etwas strapazierfähiger als bei Rennradbekleidung, so der Hersteller. In der Praxis fällt auf, dass das Unlimited-Trikot an den Ärmeln straff sitzt, so wie von einem aerodynamischen Rennradoberteil bekannt. An der Brust und am Bauch hingegen sitzt es etwas lockerer. Sehr bequem, wenn man lange unterwegs ist und beim Kaffeestopp fühlt man sich nicht ganz so eingezwängt wie in einer Performance-Pelle. Überdies verfügt das Graveltrikot von Castelli über einen Reißverschluß, der sich komplett öffnen lässt, drei Rückentaschen plus Schlüsselfach sowie Silikonabschlüsse an der Hüfte, damit das Trikot stets optimal sitzt. Kurzum: Alles, was man auch bei einem qualitativ hochwertigen Rennradtrikot findet.
Fazit: Das Unlimited Jersey spiegelt Castellis Gravel-Definition kompromisslos wider: Straßenradsport mit gewissen Extras. Wer vom Mountainbiken kommt, wird sich insbesondere an den Ärmeln eingeengt fühlen. Ehrlicherweise muss man auch sagen, dass der Sprung zum Straßenradtrikot nicht groß ist; wer Gravelrennen fährt, kommt vermutlich genauso gut mit Rennradbekleidung zurecht. Heißt im Umkehrschluss, das Unlimited Jersey geht auch für den Einsatz auf der Straße durch, wenn man nicht grade auf dem Aero-Rad der letzten Wattoptimierung hinterherjagt.

Das Poc Resistance Ultra Zip Tee kostet 160 Euro.

Poc Resistance Jersey Zip Tee im Test

Der schwedische Hersteller Poc hat mit der Resistance-Kollektion eine schlichte und trotzdem schicke Bekleidungsserie explizit für Gravel- und Cyclorossfahrer sowie Bikepacker auf den Markt gebracht. Passend zum Jersey gibt es auch eine Hose, die wir bereits einem ausführlichen Test unterzogen haben. Was prädestiniert das Jersey für den Offroad-Einsatz? Zunächst einmal bietet das Trikot eine Menge Stauraum. Drei eingearbeitete, tief gehende Taschen auf der Rückseite offerieren viel Platz und lassen sich obendrein dank guter Stretch-Eigenschaften weiter ausdehnen. Auch gut: Für Wertsachen gibt es eine Tasche mit Reißverschluss.
Die Passform des Zip Tee (Jersey mit Reißverschluss) ist sportlich geschnitten, lässt aber ausreichend Luft zum Atmen und engt lange nicht so stark ein wie ein Aero-Rennrad-Trikot. Silikon-Applikationen im Inneren der Ärmel und am Hüftbund halten das Trikot bombensicher am Körper, auch wenn es mal ordentlich ruckelt, selbst dann, wenn die Rückentaschen mit Smartphone, Jacke, Riegeln und Werkzeug üppig gefüllt sind. Klasse! Kommen wir zur Königsdisziplin, dem Temperatur- und Klimamanagement: Poc geht einen anderen Weg als Fe226 und setzt voll auf die Macht von Kunstfasern. An der Schulterpartie und im Ärmelbereich ist verdicktes Cordura-Material eingesetzt, um Schürfwunden zu verhindern, sollte man etwa mit einem Rucksack unterwegs sein. An jenen Stellen, wo viel geschwitzt wird, namentlich Rücken und unter den Armen, setzen die Schweden auf dünnes, atmungsaktives Mesh-Gewebe. Eine wasserabweisende Membran am unteren Rücken trotzt Nässe und Spritzern. Im Ergebnis entsteht so ein ausgeklügelter, atmungsaktiver Stoffmix, der sich gut trägt und dabei technisch voll überzeugt.
Schwarz ruft bei vielen Radlern reflexartig Kritik hervor, weil man schlecht gesehen wird. Aber zumindest die beiden Poc-Logos an der linken und Seiten reflektieren, eine zentralere Stelle oder noch größere Logos wären wünschenswert. In der Kollektion gibt es auch noch ein Shirt ohne Reißverschluss mit etwas legererem Schnitt. Wer es noch lässiger mag, sollte sich das Poc Resistance Jersey Tee genauer anschauen.
Fazit: Das von uns getestete Poc-Jersey ist ein hervorragender Kompromiss für sportliche Gravelbiker, die auf die Vorteile eines Rennrad-Jersey nicht verzichten wollen. Der Stauraum und der feste Sitz setzen Maßstäbe. Die ausgeklügelten Membran- und Stoffelemente sorgen für ein hervorragendes Klimamanagement. Einzig beim hohen Preis von 160 Euro kommt man ins Schwitzen.
Weitere Infos: www.pocsports.com

Fazit

Gibt es einen Gewinner? Die Antwort mag auf den ersten Blick unbefriedigend wirken, denn sie lautet: Es kommt drauf an, nämlich darauf, was man vor hat. Sehen Sie es positiv: Für jeden Einsatzzweck gibt das ein geeignetes Jersey für Gravelbiker. Wer vom Rennrad kommt und mit dem Graveller häufig Passagen auf Asphalt fährt, hier und da mal einen Querfeldein-Schlenker nimmt, wird mit dem Rennrad-nahen Jersey von Castelli seine Freude haben. Im Performance-Bereich kommt man an den Italienern nicht vorbei. Winken längere Strecken, sportliche Bikepackingtouren bei hohen Temperaturen, kommt das Poc-Trikot ins Spiel. Wohl das ausgereifteste, aber mithin auch teuerste Produkt im direkten Vergleich; lobend hier noch einmal zu erwähnen, wie bombenfest das Trikot sitzt und wie voll man sich die Taschen machen kann. Fe226 ist eine klare Empfehlung, wenn man besonderen Wert auf Tragekomfort legt. Die Merinowolle liegt einfach unvergleichlich gut auf der Haut. Wir sehen das Trikot auch auf längeren Bikepacking-Touren, allerdings sollte die Schweißentwicklung im Zaum gehalten werden. Ist das Trikot erstmal völlig durchnässt, hilft nur anhalten und trocken. Pluspunkt: Es riecht immer frisch.