Glukose-Spiegel in Echtzeit

Abbott Libre Sense Glukose-Biosensor im Test

Viele Berufsradfahrerinnen und Radsportler überwachen im Training und Wettkampf mittlerweile ihren Glukose-Spiegel. Wir erklären, wie die Messung funktioniert und haben hierzu den Abbott Libre Sense Glukose-Biosensor getestet.

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Kaum zu sehen: Der Biosensor guckt hinter dem rechten Ärmelbund hervor.

Im Radsport wird gemessen, was das Zeug hält: Geschwindigkeit, Distanz, Höhenmeter, Leistung, Herzfrequenz – und jetzt neuerdings auch der Glukose-Spiegel. Medienwirksam konnte man einen solchen Glukose-Sensor zuerst beim UCI WorldTour-Team Jumbo Visma bei der Tour de France 2020 wahrnehmen. Radfahrer des Teams trugen den weißen Biosensor, der etwa die Größe einer 2-Euro-Münze hat, auf der Rückseite des Oberarms. Auch Triathleten wie Jan Frodeno messen ihren Glukose-Wert in Wettkämpfen.
Dahinter steckt das in Atlanta ansässige Sporttechnologie-Unternehmen und Ironman-Titelsponsor Supersapiens. Das System dahinter funktioniert so: Der Abbott Libre Sense Biosensor, der bis zu 14 Tage lang getragen werden kann, misst in Echtzeit den Glukose-Spiegel. Über ein Lesegerät oder per Handy-App können die Werte ausgelesen werden. An dieser Stelle kommt Supersapiens ins Spiel: Die App des US-amerikanischen Unternehmens sammelt die Blutzuckerwerte und bietet personalisierte Auswertungen.
Das proklamierte Ziel dahinter: Durch eine kontinuierliche Messung kann der Sportler die Zusammenhänge zwischen der Glukosekonzentration im Blut und der eigenen sportlichen Leistung und Leistungsfähigkeit nachvollziehen und die Energieversorgung entsprechend optimieren. Das Versprechen klingt zu schön, um wahr zu sein: Nie wieder einen Hungerast erleiden!

Übersicht über die verschiedenen Preismodelle.

Doch die Preise haben es erstmal in sich: Die Monats-Mitgliedschaft, bestehend aus 2 Sensoren (die insgesamt 28 Tage lang getragen werden können), der kostenlosen Supersapiens-App und zwei sogenannten Leistung-Patches (Schutz für den Sensor) plus zwei Goodies (Energie-Getränk und ein paar Socken z. B.), kostet 150 Euro. Die Mitgliedschaft steigert sich für ein 18-Wochen-Trainingsprogramm auf 700 Euro. Hierin sind dann 9 Sensoren enthalten.

Abbott Libre Sense Glukose-Biosensor startklar machen

Der Bio-Sensor wird mit einem Applikator in die Rückseite des Oberarms gestochen und sollte dort insgesamt 14 Tage lang haften bleiben, danach muss er erneuert werden. Der Vorgang läuft nahezu schmerzfrei ab und ist – einmal das Prinzip verstanden – leicht und in Eigenregie durchführbar. Der Sensor ist wasserfest, sodass man mit ihm auch schwimmen gehen kann. Dennoch klebt er an einer exponierten Stelle und ist anfällig dafür, dass man mit der Bekleidung hängen bleibt. Im Testzeitraum trat das Problem mehrfach beim An- und Ausziehen von hautengen Rad-Jerseys auf. Glücklicherweise klebt das weiche Kunststoff-Filament stark genug an der Haut.
Bevor die Messung starten kann, benötigt der Sensor eine Stunde zur Initialisierung. Danach misst er im Bereich von 55–200 mg/dl die Blutzuckerkonzentration und überträgt diese Werte per Bluetooth aufs Smartphone und die Supersapiens-App, wo der aktuelle Glukosewert und verschiedene Trends und Durchschnittswerte sowie der zeitliche Verlauf angezeigt werden. Der interne Speicher kann acht Stunden lang die Werte speichern. Spätestens dann sollte der Sensor wieder mit der App gekoppelt werden.

Der Glukose-Stoffwechsel

Zur Einordnung: Als Blutzucker bezeichnet man die Konzentration von Glukose im Blut. Sportler haben ein Interesse daran, den Blutzuckerspiegel konstant zu halten. Dieser folgt gewissen Gesetzmäßigkeiten und ist trotzdem individuell, so reagiert jeder Mensch anders auf Lebensmittel. Der Blutzucker wird in folgenden Einheiten angegeben: mg/dl oder mmol/l. Bei Menschen ohne Diabetes liegt der Glukose-Spiegel im Blut nüchtern (nach 8 bis 10 Stunden ohne Nahrung) unter 100 Milligramm.
Nach dem Essen sollte der Blutzuckerwert gewöhnlich nicht über 140 mg/dl steigen. Auch wenn man vorher nichts zu sich genommen hat, kann der Wert während eines Workouts ansteigen. Das Hormon Insulin dient dazu, Glukose aus dem Blut für die Zellen verfügbar zu machen. Dabei ist, bildlich gesprochen, Insulin der Schlüssel zum Schloss der Zelle, um das Tor für die Glukose zu öffnen. Wie viel Glukose unter Belastung im Blut schwimmt, hängt mit der Energiebereitstellung des Körpers zusammen. Je intensiver die Einheit, desto mehr steigt der Blutzuckerspiegel an, wird erfahrungsgemäß aber nicht über 140 mg/dl steigen. Nimmt man auf einer langen Tour nichts zu sich, fällt das Glukose-Level stetig ab – soweit, bis man sprichwörtlich leer läuft und nichts mehr geht.

Von links nach rechts: Die Supersapiens-App zeigt under anderem die Glukose-Konzentration in Echtzeit an, den durchschnittlichen Blutzucker sowie die Schwankungen im Tagesverlauf.

Die Vermessung des Menschen

Die Datenerfassung, ein Trendthema im Breiten- und Spitzensport, nimmt deutlich an Fahrt auf. Die Leistungsmessung im Radsport hat längst den Hobbybereich erobert, die Körperkerntemperatur kann über zu schluckende Pillen erfasst werden, schon fast selbstverständlich messen Tracker und Uhren Ruhepuls, Herzfrequenzvariabilität und Atemfrequenz. Solche Systeme versprechen, dass man mit ihnen gesünder, besser und zielgerichteter trainieren kann. Die Glukose-Echtzeitmessung von Supersapiens ist ein solches System. Am Ende des Testzeitraums stellen sich für den Autor, der sich selbst als gelegentlich ambitionierten Freizeitsportler sieht, folgende Fragen: Brauche ich so eine Glukose-Messung für ein effektives (Rad-)Training? Gegenfrage: Was braucht man schon? Braucht man einen Leistungsmesser am Rad, der einem die Anstrengung objektiviert? Braucht man einen Rad-Computer, der einem sagt, wie weit und wie lange man Fahrrad gefahren ist – oder kann man nicht einfach zu Hause auf die Uhr gucken und nach Gefühl fahren? Will sagen: Niemand muss sich zum Sklaven seiner Daten machen – und kann ohne breit angelegtes Tracking Spaß am Sport haben. Das mal als Disclaimer vorab.
Wer indes munter und gern Daten und Werte sammelt, um ein besseres Bild davon zu bekommen, was mit und in seinem Körper passiert, wenn er zwei Stunden mit dem Mountainbike auf Trails unterwegs ist, kann von solchen Messungen durchaus profitieren. Das führt uns direkt zu einem zweiten Gedanken, der in diesem Kontext wichtig ist: Er kann (!) profitieren. Mehr Daten heißt nicht gleich besseres Training. Man muss diese Daten auch interpretieren können. Daran scheitert es häufig, berichten Sportwissenschaftler und Trainer aus der Praxis. Es fehlt oft schon an dem elementaren Hintergrundwissen. Beispiel: Den meisten Athletinnen und Athleten ist nicht bewusst, dass die Herzfrequenz schleppend reagiert. Viele wundern sich daher, warum sie bei einem 30-Sekunden-Sprint keine Maximalwerte erreichen. Sportwissenschaftler und Trainer können solche vermeintlichen Anomalien mit ihrer Expertise einordnen und erklären, während dem Laien nur ein Fragezeichen bleibt.
Daher hat uns sehr gut gefallen, dass die App von Supersapiens viel wert darauf legt, die Anwenderin oder den Anwender mitzunehmen. So punktet die App mit einem großen Tutorial-Bereich, der einem weiterhilft bei der Interpretation der Daten. Wobei ein Teil leider auf Englisch gehalten ist und damit nicht für Jedermann verständlich. Und wir empfehlen trotzdem eine Zweitlektüre, um zwischen Marketing und Inhalt differenzieren zu können.

Überwachung nach Mahlzeiten

Der Glukose-Spiegel, das zeigte unser Test, ist nicht nur unter Belastung interessant, sondern auch bei der Überwachung von Mahlzeiten. Wie sensitiv reagiert Ihr Glukose-Spiegel auf Karotte oder Kartoffel? Löst die Tafel Schokolade bei Ihnen auch einen Zucker-Tsunami im Blut aus? Wundern Sie sich, warum Sie mittags nach dem Lunch in ein Loch fallen? Der Bio-Sensor und die Supersapiens-App können hierauf Antworten geben. Interessant ist auch, dass mithilfe der App verfolgt werden kann, wann und wie schnell sich der Blutzuckerspiegel nach Mahlzeiten wieder normalisiert – und man ins Training starten kann. Sie kennen vielleicht die zwei bis drei Stunden Regel: Warte solange nach Mahlzeiten, bis du anfängst mit Sport. Die Supersapiens-App gibt viel präziser Auskunft. Und zeigt überdies, ob Ihr Blutzucker gesund ist.
Eine weitere Erkenntnis:Nach dem zweiwöchigen Test wird objektiviert, was man schon vorher wusste. Führt man Nahrung bzw. Kohlenhydrate zu, steigt die Glukose-Konzentration an – der Blutzucker schlägt aus. Interessanter war zu beobachten, was passiert, wenn man harte Intervalle fährt: Hier konnte der extrem ansteigende Blutzuckerspiegel im dritten von vier Intervallen à vier Minuten darauf Hinweise geben, dass die Energiebereitstellung überwiegend unter Federführung des anaeroben Stoffwechsels über Kohlenhydrate passiert. Die starke Ermüdung im vierten Intervall und ein abruptes Absinken des Spiegels mit plötzlich eintretender Energielosigkeit waren die Folge. Die Interpretation: Einbruch mit Ansage. Denn je mehr Glukose im Blut zirkuliert, desto größer ist der Kohlenhydratverbrauch insgesamt. Doch die Kohlenhydratspeicher, wissen wir, sind endlich. Je entleerter die Kohlenhydratspeicher (diese können niemals total leer laufen!), desto näher kommt man dem ominösen Hungerast und kann seine Leistung (wie hier im vierten Intervall) nicht mehr aufrecht halten.

Fazit: Tool für Spitzensportler und Ambitionierte

Sie sehen: Es ist nicht so einfach wie mit der Herzfrequenz oder der Leistung beim Radfahren. Die Interpretation der Glukose-Daten braucht Stoffwechsel-Kenntnisse. Und dann ist immer noch die Frage, was uns die Werte in Bezug auf unsere Leistungsfähigkeit sagen können. Andererseits: Eine weitere Metrik kann jedenfalls nicht schaden. Ob man dafür bereit ist, monatlich 150 Euro zu bezahlen, ist dann jedem selbst überlassen. Wir denken aber, dass die Glukose-Messung – anders als die Herzfrequenz – Stand heute ein Tool für Profisportler, Daten-Nerds und besonders ambitionierte Athleten ist. Aber war das die Leistungsmessung am Fahrrad nicht auch mal?
Weitere Infos unter www.libresense.abbott