Modelle von Fizik und Specialized im Test

Fahrradsattel aus dem 3D-Drucker

Fahrradsättel aus dem 3D-Drucker – sieht so die Zukunft aus? BIKE BILD war dem Trendthema auf der Spur, sprach mit Entwicklern, dem Bikefitting-Experten Daniel Schade und testete die neuesten marktreifen Modelle von Fizik und Specialized.

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Erst auf den zweiten Blick wird die Innovation deutlich. Der Fizik Antares Versus Evo 00 Adaptive kommt aus dem 3D-Drucker.

Rennradfahrer sind Traditionalisten und tun sich mit Innovationen schwer. Daher war die Überraschung groß, als das italienische Unternehmen für Fahrradzubehör Fizik im Jahr 2019 auf der Fachmesse Eurobike dem Publikum den ersten Sattel aus dem 3D-Drucker präsentierte. Zwei Jahre sind seither vergangen, und das neuartige Fertigungsverfahren nimmt zunehmend Fahrt auf. Nicht nur Fizik hat das 3D-Prinzip weiter vorangetrieben und das Sortiment auf drei 3D-Modelle ausgeweitet. Auch Fahrradhersteller Specialized bietet mit dem S-Works Power Mirror seit diesem Jahr einen marktreifen 3D-Sattel an.

Garret Getter ist als Produktmanager bei Specialized verantwortlich für Sättel.

Garrett Getter, Produktmanager für Sättel bei Specialized, erinnert sich gut an die Anfänge zurück. „Wir sind auf die Möglichkeit des 3D-Drucks aufmerksam geworden, als Adidas die ersten Laufschuhsohlen gedruckt hat.“ In Kalifornien folgten daraufhin zwei intensive Jahre Entwicklungszeit, bis das finale Design des Power Mirror gefunden war. Für Getter überwiegen die Vorteile: „Zum einen können wir zukünftig superschnell und effizient Sättel weiter- und neue Modelle entwickeln. Zweitens erlaubt uns der 3D-Druck die volle Kontrolle über jeden einzelnen Punkt auf dem Sattel.“
Das Freiheitsversprechen des Digital Light Synthesis-Verfahrens (DLS), entwickelt von dem kalifornischen 3D-Druckunternehmen Carbon, klingt zu schön, um wahr zu sein: Konstruktionsgrenzen, wie sie bei der Verwendung von Schaumstoff bisher entstehen, sollen der Vergangenheit angehören. Die Satteldecke soll nach Belieben gestaltbar sein, was heißen könnte: hier mehr Halt, dort weicher und da eine stufenlose Vertiefung zur Entlastung – individuell angepasst an Sitzposition und Physiologie jedes Einzelnen.

Bei Fizik für Sättel verantwortlich: Produkt Manager Alex Locatelli.

Alex Locatelli, Produktmanager bei Fizik, betont vor allem die gewinnbringenden Vorteile im Produktionszyklus: "Die DLS-Technologie ermöglicht uns, fünfmal schneller einen Sattel zu entwickeln. Mehrere hundert verschiedene Versionen konnten wir so im Feldversuch in kürzester Zeit testen, was sonst Monate, gar Jahre dauern würde mit traditionellen Verfahren." Der Italiener schwärmt: Man könne dadurch alle Zwischenphasen in der Produktentwicklung überspringen und direkt von der Idee in die Produktion gehen.
Was nach einem Traum für Sattelhersteller klingt, ist indes längst zur Realität geworden. Doch ganz ohne fremdes Know-how geht es bislang noch nicht. Sowohl Fizik als auch Specialized kooperieren mit Carbon und lassen dort das Obermaterial ihrer 3D-Modelle fertigen. Bei Fiziks Evo-00-Adative-Sattel wird Carbon mit ultraviolettem Licht und chemischen Verbindungen durch Hitze in die jeweilige Form gebracht. Bei Specialized setzt man für die komplexe Gittergeometrie auf flüssiges Polymer. Für Gestell und Schale greift man indes auf gewohnte Fertigungsverfahren zurück.

Bikefittung-Experte Daniel Schade ist optimistisch

Daniel Schade, Geschäftsführer des Bikefitting-Instituts Gebiomized, ist weltweit einer der führenden Köpfe auf dem Gebiet der Satteldruckmessung. Der Bikefitter des amtierenden Giro d’Italia-Siegers Egan Bernal beobachtet das Thema 3D-Druck seit vielen Jahren. Er dämpft erst einmal die Euphorie: „In meinen Bikefittings sehe ich nicht automatisch eine Verbesserung der Druckverteilung – manche Radfahrer kommen auf dem 3D-Sattel besser zurecht, bei anderen werden die vorliegenden Druckpunkte verstärkt.“ In Zeitfahrposition, berichtet der 42-Jährige, funktioniere das 3D-Modell von Fizik bei Egan Bernal besser als der klassische Zeitfahrsattel, daher saß der Kolumbianer beim Giro-Zeitfahren auf einem solchen Modell.

Daniel Schade ist Geschäftsführer von Gebiomized. Der Bikefitter arbeitet mit Sportgrößen wie Anne Haug und Egan Bernal zusammen.

Grundsätzlich zeigt sich Schade trotzdem optimistisch: „Die große Stärke des 3D-Verfahrens sind die Konstruktionsmöglichkeiten. Wir fräsen und fertigen bei uns im Institut seit vielen Jahren individuelle Sättel – aus Schaumstoff. Das 3D-Verfahren bietet uns neue Möglichkeiten. Ich sehe die Branche an einem Startpunkt für eine neue Generation von Sätteln.“ Auch bei Gebiomized sind hinter verschlossenen Türen schon 3D-Drucker im Einsatz.
Noch sind gedruckte Sättel ein hochpreisiges Nischenprodukt. Garrett Getter von Specialized macht keinen Hehl daraus, dass der hohe Preis Teil der Innovation ist. Die Vorteile des Verfahrens liegen jedoch für alle Beteiligten auf der Hand. Die Frage ist also nicht, ob der 3D-Sattel den Freizeit- und Massenmarkt jemals erobern wird, sondern vielmehr, wann es so weit sein wird.

Pioniere unter sich: 3D-Sättel im Vergleich

Fizik Antares Versus Evo 00 Adaptive

Fizik Antares Versus Evo 00 Adaptive im Praxistest

Zunächst fällt das geringe Gewicht des Fizik Antares Versus Evo 00 Adaptive auf, der nur 147 Gramm (Größe: 139 mm) bzw. 154 Gramm (Größe: 143 mm) auf die Waage bringt. Der Aufbau mit dem tiefen Entlastungskanal steht in der Tradition der übrigen Antares-Modelle, auch jener, die nicht aus dem 3D-Drucker kommen. Das "Versus" im Namen steht für die durchgehende Entlastungszone. Dadurch sollen Weichteile und das Steißbein in aufrechter Sitzhaltung merklich entlastet werden. Hierzu passt, dass je weiter man nach hinten rutscht, desto weicher das gedruckte Obermaterial wird. Der Unterschied zur härteren Nasenspitze ist immens und leicht per Fingereindruck nachvollziehbar: Tastet man sich weiter vor, dahin wo wohl die Sitzhöcker platziert werden, verlangt das Polster deutlich mehr Druck. Die Nase des Sattels ist lang gezogen, wodurch Fahrerinnen oder Fahrer mit kräftigen Oberschenkeln ausreichend Platz finden. Zeitgemäß ist überdies, dass die Carbon-Sattelschale vorn fest verbunden ist, wodurch sich die Kraft besser verteilen lässt. Wer das schon mal das Gefühl erlebt hat, auf einer Seite des Sattel abzusinken, wird dies beim Fizik Antares Versus Evo 00 Adaptive definitiv nicht erleben und in jeder Fahrlage stabil und fest sitzen und damit keine unnötige Energie verschwenden.
Im Vergleich zum Modell von Specialized (siehe weiter unten) ist der Fizik-Sattel näher am gewohnten Sattelerlebnis dran. Während man beim S-Works Power Mirror meint, aufgrund des unvergleichlichen Komforterlebnisses quasi auf Wolken zu fahren, schlägt das Fizik-Modell ein deutlich härtere und sportlichere Gangart an, nicht zuletzt hervorgerufen durch das widerstandsfähigere Obermaterial im Bereich der Sattelnase. Dadurch zog es den leichten Testfahrer tendenziell weiter nach hinten auf den Sattel, dort fühlte er sich insgesamt wohler und der Sattel bot indes mehr Stabilität. Mit der Folge, dass mehr Rückenmuskulatur beansprucht wurde. Das ist weder positiv noch negativ zu bewerten, sollte bei der Positionierung des Sattel im Hinterkopf behalten werden. Ebenso, dass Fizik ein optimales Fahrergewicht von 70 bis 75 Kilogramm angibt. Damit wird die Ausrichtung deutlich: Der Fizik Antares Versus Evo 00 Adaptive ist ein Highend-Sattel für geübte und sportive Radfahrer sowie Profis. Der 390 Euro teure Sattel ist leicht und bietet besonders im Dammbereich hervorragende Komfortwerte. Aber Obacht bei der Montage: Die Carbonstreben des Fizik Antares Adaptive-Sattel besitzen keine Markierung für den Verstellbereich, und die Klemmung der Sattelstütze muss zu der Rundung der Streben passen. Wer sich unsicher ist, kann in den FAQs auf der Website des Herstellers die Kompatibilität prüfen. Schlecht: Die Carbonstreben des Sattels besitzen keine Markierung für den Verstellbereich. Das Topmodell ist in schwarz oder neongrün erhältlich. Weitere Infos unter: www.fizik.com.

Specialized S-Works Power Mirror

Specialized S-Works Power Mirror im Praxistest

Auch wenn sowohl Fizik als auch Specialized mit dem kalifornischen 3D-Druckunternehmen Carbon zusammenarbeiten und auf dasselbe innovative Fertigungsverfahren zurückgreifen, fahren sich beide Sättel im Praxistest doch höchst unterschiedliche. Das hängt mit den Daten der beiden Hersteller zusammen, die von Carbon letztlich in die Materialstruktur übersetzt werden. Bei dem Specialized-Sattel S-Works Power Mirror entsteht so die optische Wabenstruktur: 14.000 elastische Verstrebungen laufen durch den Sattel, die sich an insgesamt 6.000 Knotenpunkten treffen. Grundlage des Design sind Daten, die das Unternehmen durch das eigene Body Fitting-System „Retül“ über viele Jahre hinweg gesammelt hat. Vereinfacht könnte man sagen: Specialized weiß, was Radfahrer – mehrheitlich! – brauchen.
Herausgekommen ist ein Sattel, der in puncto Komfort nicht zu schlagen ist. Auch wenn der erste Eindruck – sagen wir mal – etwas gewöhnungsbedürftig ist auf Grund der gefühlten Weichheit, will man den Sattel nach der ersten Ausfahrt nicht mehr missen, besonders nicht auf langen Touren. Jenseits der fünf Stunden erwies sich der Power Mirror als Waffe gegen Sitzbeschwerden. Auch die Befürchtung, dass der Power Mirror zu schwammig wäre, ist nach dem ersten knackigen Intervalltraining kein Thema mehr. Der größte Unterschied zum Fizik-Sattel liegt im Aufbau: Der Specialized S-Works Power Mirror baut wesentlich breiter auf (ähnlich dem S-Works Power Rennradsattel) und hat dabei eine deutlich verkürzte Nase. Das dürfte Zeitfahrern und Radlern in sportlich-gestreckter Sitzposition entgegenkommen. Denkbar, dass Radfahrerinnen und Radfahrer mit kräftigen Oberschenkeln, die sehr weit hinten sitzen, sich etwas mehr Bewegungsfreiheit wünschen würden. Der Mittelteil ist extrem weich und wird nach außen immer härter, wodurch der Dammbereich entlastet und bei ausladenden Bewegungen immerzu ausreichend Halt generiert wird. Mit 190 Gramm ist der Specialized-Sattel ungleich schwerer als der von Fizik, aber immer noch extrem leicht. Sehr praktisch ist das Swat-System: Mit dem Direct-Mount Reserve Rack lassen sich so am Sattelende bis zu zwei weitere Flaschenhalter montieren – perfekt für die Langestrecke. Schmerzen kommen erst beim Blick auf den Preis: 429,90 Euro. Auch wenn uns die Zeilen sehr schwer fallen: Fast wollten wir gern schreiben, dass der Sattel jeden Euro wert ist. Infos unter: www.specialized.de.

Fazit

Wer ein völlig neues Komfort-Niveau erleben möchte, kann zum Power Mirror greifen. In puncto Bequemlichkeit ist der Sattel nicht zu schlagen. Fiziks Topmodell punktet mit Leichtbau und einem "gewohnten" Sattelerlebnis bei gleichzeitig optimaler Druckverteilung durch das Zusammenspiel der "Versus"-Technologie und dem 3D-Druckverfahren. Der Fizik schien uns etwas variabler und ließ unterschiedliche Sitzpositionen zu. Wer seine optimale Position auf dem Power Mirror gefunden hat, kann ein Leben lang so sitzen bleiben. Die Wärme-Ableitung hat uns bei Fizik indes besser gefallen. Über die Haltbarkeit beider Sättel können wir noch keine profunde Auskunft geben. Der Power Mirror zeigt nach mehr als 1.000 Kilometern keinen Verschleiß, ebenso das Fizik-Modell, das wir knapp 500 Kilometer gefahren sind.