Fürs Gelände entwickelt

Gravel-Radschuh von Specialized: S-Works Recon im Test

Ultrasteife Carbonsohle, geringes Gewicht, Boa-Drehverschlüsse: Der Gravel- und Mountainbike-Radschuh S-Works Recon von Specialized lässt auf dem Papier keine Wünsche offen. Wir haben uns den Performance-Offroadschuh genauer angeguckt.

Datum:

Der Radschuh S-Works Recon von Specialized ist für sportliche Offroad-Radtouren konzipiert.

Einschätzung
der Redaktion

Fazit: Das müssen Sie wissen

Durchdachter Schuh mit exzellenter Passform und tollen Steifigkeitswerten. Eine klare Empfehlung für sportliche Graveltouren, auch wenn man mal aus den Pedalen aussteigen muss. Kleine Abzüge geben wir für den zu harten Fersenschaft. Würde Specialized an dieser Stelle weicheres Material verarbeiten, könnte man allenfalls noch über den (zu) hohen Preis von 379,90 Euro meckern. Ansonsten ein Top-Schuh!

Pro

  • Viel Platz im Vorfußbereich
  • Tolle Kraftübertragung
  • Geringes Gewicht für ein Offroad-Modell
  • Hochwertige Materialien, edles Design

Kontra

  • An der Ferse zu hart und unflexibel
  • Preis
Früher war die Sache einfach. Es gab das Crossrad, das Mountainbike und das Rennrad. Dann kam irgendwann noch das Aerorad dazu, eine aerodynamisch optimierte Variante des Rennrads. Doch das Gravelbike würfelt aktuell viel durcheinander, die sogenannten Allroadbikes erobern die Herzen der Radfahrer im Sturm. Wir verstehen das: Radeln ohne Grenzen und Verkehr – das macht unendlich viel Spaß.
Eine neue Radgattung stellt neue Anforderungen ans übrige Equipment, etwa an die Radschuhe. Specialized hat als einer von noch nicht so vielen Herstellern – Shimano sei an dieser Stelle noch erwähnt – das Bedürfnis erkannt und mit dem S-Works Recon ein Modell für Gravelbiker mit einem Zwei-Schrauben-Lochstich entwickelt, passend für alle gängigen MTB-Pedalsysteme. Viele Gravelbiker fragen sich jetzt: Braucht man einen speziellen Gravelschuh oder kommt man mit einem Mountainbike- oder Rennradschuh nicht genauso gut aus?

Specialized S-Works Recon: Die Verschmelzung von Road und Offroad

Die Antwort hierauf ist leider schwammig, nämlich: Es kommt halt drauf an. Spult man den überwiegenden Teil seiner Kilometer auf Asphalt ab, braucht man sicher kein Modell mit griffigem Außenprofil, um gegebenenfalls auch mal einen Hang zu beschreiten oder ein Flussbett zu queren. Ist man ohnehin ausschließlich im Gelände unterwegs, könnte man auch über einen MTB-Schuh nachdenken. Sie fühlen sich noch nicht angesprochen? Dann kommt der Recon ins Spiel, der beide Fahrradbiotope verbindet – auch optisch. Von oben, ohne dass man die Außensohle sieht, könnte man es auch mit einem schnittigen Straßenmodell zu tun haben. Gut möglich, dass die Basis des Recon das S-Works Road-Modell gewesen war, die Verwandtschaft beider Modell ist unverkennbar. Erst beim Blick unter den Schuh, wo das griffige Profil aus dem hauseigenem "SlipNot Rubber" sichtbar wird, verändert sich die Perspektive. Mit dem Recon darf man auch im unebenen Gelände gehen können und nicht nur zwei, drei Meter zur Bäckereitheke. So verschmelzen beim Recon beide Welten: Road und Offroad.

Der S-Works Recon in Aktion. Der Vorfußbereich lässt viel Platz – auch für breite Zehen.

Passform: Breite Zehenbox für schmerzfreies Fahren

Beim Einstieg in den Schuh begegnet einem zunächst das typische Specialized-Schuh-Gefühl, das wir so beschreiben: viel Platz, einen guten ergonomischen Stand und eine brettharte und unglaublich steife Sohle. Dass vorn die Zehen viel Bewegungsspielraum haben, gefällt uns im Gelände. Schließlich wackelt und poltert es hier Topografie bedingt ordentlich, der Tritt verändert sich, der Fahrer rutscht im Schuh, ist nicht so fixiert wie auf einem Straßenrenner. Ein guter Gravelschuh muss genügend Halt bieten, ohne dabei einzuengen. Eine Herkulesaufgabe.
Zehenspiel (bitte nicht als Spiel des Fußes verstehen; ein sicherer und fester Stand ist wichtig, besonders im Gelände) im Schuh ist Trumpf, da durch die oben skizzierte Bewegung, die beim Querfeldein-Radeln entsteht, die Zehen sich gern mal schmerzhaft am Obermaterial abarbeiten. Und noch aus einem anderen Grund ist die breite Vorfußbox von Vorteil: Biomechanische Untersuchungen konnten zeigen, dass der Fuß seine ganze Kraft erst entfalten kann, wenn die Zehen entspannt sind; greifende, verkrampfte Zehen bewirken das Gegenteil. Damit die Füße von Offroadern im Gelände gegen Hindernisse gut geschützt sind, kommen die Recon-Schuhe, wie man es vom MTB-Schuh kennt, mit einem verstärkten Zehenbereich daher.
Der Stand im Schuh ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, da die Innensohle das Fußgewölbe leicht anhebt. Dadurch wird ein Kollabieren und damit Einknicken des Knies während der Pedalumdrehung verhindert, man könnte es so beschreiben: Fuß und Knie werden besser in der Spur gehalten, dadurch, dass das Gewölbe höher steht im Schuh.

Auf dem Fahrrad: Kraftübertragung wie beim Straßenschuh

Kommen wir zur Königsdisziplin von Radschuhen, der Steifigkeit. Die leichte Carbon-Sohle erreicht in der Specialized-Skala einen Steifigkeits-Index von 13.0 – nur das Straßenmodell S-Works Road liegt mit 15.0 noch darüber. Bei der Steifigkeit hat der Hersteller nicht gekleckert und macht unmissverständlich deutlich: Der Recon ist ein sportliches Performance-Modell für Fahrer, die ihren Kraftinput bestmöglich in Vortrieb umwandeln wollen. Die Kraftübertragung ist über jeden Zweifel erhaben und garantiert Spaß und Power beim Fahren. Ob der Recon damit das richtige Modell für mehrwöchige Radtouren ist, sollte jeder Fahrer selbst herausfinden. Eine derart steife Carbonsohle ist nämlich – über hunderte oder tausende Kilometer – womöglich nicht jedermanns Sache.
Hinsichtlich des Komforts ist uns eine Schwachstelle bei dem Schuh aufgefallen. Das sogenannte Padlock-Material im Fersenbereich soll den Fuß zwar fest halten und den Schuh langlebiger machen, doch wir empfanden den Fersenbereich als viel zu hart – hier hätten wir uns mehr "Futter" oder weicheren Stoff zwischen Knöchel und Fersenkappe gewünscht. Tipp: Eine dickere (Merino-)Socke kann bei Fahrern helfen, die an der Ferse ähnlich empfindlich sind wie der Autor dieser Zeilen.

Der Zwei-Schrauben-Lochstich ist passend für alle MTB-Pedalsysteme.

Auch gut beim Gehen: geländetauglicher Gravelschuh

An Ferse, Ballen und um die Zehen findet sich ein griffiges Gummiprofil wieder, Specialized nennt das selbst entwickelte Gummi "SlipNot Rubber". Die Gummi-Außensohle bietet genügend Grip, um auch matschige Anstiege erklimmen zu können, da sich das grobe Profil in die Erde wühlt und dort wie Widerhaken verbleibt. Auch lassen zusätzlich Gewindeeinsätze die Aufnahme von Spikes zu – dies dürfte für Cyclocrosser von Interesse sein. Der S-Works Recon richtet sich damit nicht nur an sportive Gravelbiker, sondern soll auch Crosser ansprechen.
Geschlossen wird der Schuh mit zwei vollversiegelten "S3-Boa"-Verschlüssen, die präzises und sensibles Festziehen und Lockern ermöglichen und dabei gegen Schmutz und Staub geschützt sind. Die Lasche im vorderen Teil des Schuhs erwies sich während des knapp sechsmonatigen Testzeitraums als nicht notwendig. Das schmutzanfällige Außenmaterial zeigte keinerlei Verschleißerscheinungen über den gesamten Testzeitraum.
Der Schuh wiegt inklusive Cleats in der Größe 45 sportliche 366 Gramm. Specialized gibt das Solo-Gewicht in Größe 42 mit 270 Gramm an. Das kann sich sehen lassen – und unterstreicht abermals die sportlichen Ambitionen des Schuhs.

Fazit: Specialized S-Works Recon

Durchdachter Schuh mit exzellenter Passform und tollen Steifigkeitswerten. Eine klare Empfehlung für sportliche Graveltouren, auch wenn man mal aus den Pedalen aussteigen muss. Kleine Abzüge geben wir für den zu harten Fersenschaft. Würde Specialized an dieser Stelle weicheres Material verarbeiten, könnte man allenfalls noch über den (zu) hohen Preis von 379,90 Euro meckern. Insgesamt ein gelungener Radschuh für Gravelbiker.
Daniel Eilers

von Daniel Eilers

Daniel Eilers ist Redakteur bei BIKE BILD. Räder sind für ihn zweierlei: das perfekte Sportgerät und klügste Fortbewegungsmittel unserer Zeit.