Neuer Allround-Reifen

Clincher-Trainingsreifen: Pirelli P Zero Road im ersten Test

Der italienische Reifenhersteller Pirelli präsentiert vier Jahre nach dem Wiedereinstieg in den Radsport zwei neue Clincher-Modelle: P Zero Race und Road. Letzterer, ein komfortabler Allround-Reifen mit Nehmerqualitäten, konnten wir vorab mehrere hundert Kilometer lang testen. Hier kommen die ersten Praxiseindrücke vom neuen Pirelli-Pneu.

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Konkurrenz für Continental, Schwalbe & Co.? Der neue P Zero Road punktet mit reichlich Komfort und Feedback.

Einschätzung
der Redaktion

Fazit: Das müssen Sie wissen

Gutmütiger und geschmeidiger Trainingsreifen mit Komfortreserven, der in puncto Rückmeldung kaum einzuholen ist. Die vom Hersteller beworbene lange Lebensdauer muss erst ein Langzeittest verifizieren. Den Preis von 39,90 Euro betrachten wir für einen Reifen dieser Klasse als fair. Der Italiener hat nach unseren ersten Praxiseindrücken das Potenzial, Schwalbe und Continental zu ärgern. Ob er oder sein schneller Bruder P Zero Race mit dem Schwalbe Pro One und dem Continental GP 5000 tatsächlich mithalten können, wird erst der Prüfstand zeigen. Auf das Wettrennen können sich Rennradfahrer auf jeden Fall freuen.

Pro

  • leichte Montage
  • viel Feedback
  • gute Komforteigenschaften
  • fairer Preis

Kontra

  • im Grenzbereich mäßig Kurven-Grip
Wenn man an Rennradreifen denkt, ist Pirelli nicht jedem Fahrer sofort ein Begriff. Der italienische Reifenhersteller, weitaus bekannter für Rennautoreifen, hat sich erst vor vier Jahren nach einer 25 Jahre langen Abstinenz zurück gemeldet auf den umkämpften Markt der Rennradreifen. Dass Pirelli es ernst meint mit seinem Engagement im Radsport, zeigt die Partnerschaft mit dem World-Tour-Team Trek-Segafredo.

Für Radsportler: zwei neue Rennradreifen von Pirelli

Mit den zwei neuen Pirelli P Zero-Modellen ersetzt der italienische Reifenspezialist den Vorgänger P Zero Velo und wirbt nach eigener Aussage mit besserer Performance und neuen Standards für Clincher-Reifen. Moment mal, Clincher? Ja, Sie lesen richtig: Clincher. Ist der gute alte Tubetype-Reifen nicht längst ein Relikt aus der Pre-Tubeless-Ära?
Über diese Frage wird an Rennrad-Stammtischen heiß diskutiert. Dass sich der schlauchlose Standard im MTB-Bereich durchgesetzt hat, ist Allgemeinwissen. Im Gravel-Segment schwört die Mehrheit der Radler auch auf die Kombination aus Dichtmilch und Gummi. Jeweils aus guten Gründen: Tubeless-Reifen können mit weniger Luftdruck gefahren werden und sind dadurch komfortabler. Zudem fährt mit der Dichtmilch der Pannenschutz gleich mit. Probleme bereitet nicht selten die Montage, die sich mit zunehmender Reifenbreite immer leichter gestaltet. Und wie sieht es beim Rennrad aus?

Exkurs: Warum Clincher nicht out sind

Auch immer mehr Rennradfahrer sind auf den Geschmack gekommen, die Industrie macht es ihnen leicht. Continental hat beim Launch des neuen GP 5000 eine Tubeless-Baureihe vorgestellt. Und Schwalbe gilt mit dem Pro One ohnehin als Tubless-Vorreiter. Auch im Rennradbereich gibt es einen entscheidenden Vorzug: Im direkten Vergleich ist der Rollwiderstand geringer und das komfortable – als weich empfundene – Abrollgefühl wird ebenso geschätzt. Bretthart und 10 Bar Luftdruck sind sowas von old school.
Daher überraschte es, dass Specialized im Zuge der Neuvorstellung des Tarmac SL7 die dafür speziell konzipierten Roval-Laufräder nur non-tubeless kompatibel machte. Und jüngst kam ja sogar Schwalbe mit einem superleichten und schnell laufenden Kunststoff-Schlauch um die Ecke, der zusammen mit einem entsprechenden Clincher-Reifen in Sachen Rollwiderstand mit Tubeless-Reifen gleichauf sein soll.
Kurzum: Clincher sind kein altes Eisen und die beiden neuen Pirelli-Pneus damit nicht aus der Zeit gefallen, sondern mit ihr im Gleichschritt. Die Marktnachfrage für Tubeless-Reifen beantwortet der italienische Hersteller mit den Modellen P Zero Race TLR und der Race TLR SL.

Der neue Pirelli Reifen lässt sich auf unsere DT-Swiss-Felge problemlos aufziehen.

P Zero Race und Road lösen den P Zero Velo ab

Das grundlegende Design der Lauffläche vom P Zero Race ist mit dem oben genannten Tubeless-Versionen identisch, ebenso das verwendete Gummigemisch. Der P Zero Race ist aus dem neuen sogenannten „SmartEVO Compound“ gefertigt. Laut Pirelli soll das Gemisch mehr Grip und bessere Laufeigenschaften bieten. Anders als der P Zero Race legt der P Zero Road, der ein komplett neues Design der Lauffläche bekommen hat, nicht das Hauptaugenmerk auf Performance. Der P Zero Road, den BIKE BILD exklusiv vor dem Launch testen konnte, will ein guter und verlässlicher Allrounder mit langer Laufzeit sein, kein hochgezüchteter Wettkampfreifen für maximale Performance.
Der P Zero Road unterscheidet sich von der Race-Ausführung im Laufflächen-Design, dessen Rillen einen geringeren Abstand zueinander haben und länger gezogen sind, und durch die Verwendung einer leicht veränderten Gummimischung, "EVO Compound" genannt, das für eine längere Lebensdauer sorgen soll.
Völlig neu ist bei beiden Modellen hingegen der Aufbau der Karkasse aus Nylon mit 120 TPI (Threads per Inch; gibt die Zahl der Nylonfäden auf einem Zoll). Man kann sagen: Je höher die TPI-Zahl, desto geschmeidiger läuft der Reifen. Konzipiert wurde der Reifen für den Einsatz mit Luftschlauch, als Standard wurde eine 19-C-Felgen gemäß ETRTO angelegt.
Aufgrund der Konstruktion und der Anpassung an die aktuellen Standards hat der P Zero Race in allen Größen bei entsprechender Maulwerte eine breitere Lauffläche als der P Zero Velo. Der P Zero Road ist nur in Schwarz und in den Größen 24, 26, 28 mm zum Preis von 39,90 Euro erhältlich. Der P Zero Race kostet 59,90 Euro und ist mit 30 mm Reifenbreite erhältlich, aber nicht mit 24 mm; verschiedene Farben stehen beim Race zur Auswahl: braun, rot, weiß, gelb.

Pirelli P Zero Road: Montage und Fahreindrücke

Die Montage auf einer zugegeben etwas in die Jahre gekommenen DT-Swiss-17-C-Felge verlief völlig problemlos und zur Feier des Tages sogar ohne die Zuhilfenahme von Reifenhebern. Der Pirelli P Zero Road in 26 Millimeter schmiss sich ohne die kleinsten Anzeichen von Gegenwehr auf die Felge und saß anschließend gleichmäßig und stramm im Felgenbett. Herrlich leicht! Der Autor hatte zuletzt immer mal wieder seine Mühe und Not mit Tubeless-Reifen. Noch ein Argument, warum man den Clincher nicht abschreiben sollte.
Die ersten Fahreindrücke konnten auf teils butterweichen und teils rauen Asphalt gesammelt werden. Knapp 300 Kilometer sind zusammengekommen, verteilt auch auf Passagen mit rasanten Abfahrten über 70 km/h, steile Anstiege mit bis zu 14 Prozent, sogar ein paar Gravel-Passagen musste der Reifen testweise über sich ergehen lassen. Nicht ganz fair zugegeben, denn der P Zero Road will, wie der Name sagt, auf die Straße. Doch erst im Grenzbereich wird der Charakter eines Reifens offenkundig. Die 15-minütige Schotterknechtschaft meisterte der Pneu ohne Allüren oder Defekte.
Zurück auf die Straße: Für einen erschwinglichen Trainingsreifen rollt der Pirelli erstaunlich gut. Zur exakten Verortung müsste man einen Prüfstand ansteuern. Die Erfahrung und das Gefühl des Autors verorten den Rollwiderstand des Pirelli P Zero Road zwischen Continentals GP 4000 und 5000. Auf Augenhöhe mit der Konkurrenz liegt das Beschleunigungsverhalten des nur rund 230 Gramm schweren Trainingsreifens. Imponiert hat uns der Vorwärtsdrang am Hang, wenn die Steigung mit ruppigem Asphalt belegt war. Hier könnte der Reifen der Benchmark aus Korbach vielleicht sogar davonziehen?! Ist leider nur schwer messbar.

Das Reifenprofil des Pirelli P Zero Road in 26 Millimeter Breite.

Ein Reifen, der reichlich Rückmeldung gibt

Was sich auch ohne Prüfstand sofort festhalten lässt, sind die guten Komforteigenschaften des Reifens. Über löchrigen oder grobporigen Asphalt mäht der P Zero Road einfach rüber – in einer Art und Weise, wie es sonst nur Tubeless-Reifen vermögen. Um das Maximum rauszuholen, müssen Fahrergewicht, Felge und Luftdruck aufeinander abgestimmt werden. Praktischerweise liefert Pirelli dem Reifen gleich die richtige Anleitung mit. Grundsätzlich gilt: Je breiter der Reifen aufbaut und je geringer das Gewicht des Fahrers, desto geringer kann der Luftdruck ausfallen.
Das Glanzstück des Reifens zeigt sich woanders. Denn bemerkenswert ist das hohe Maß an Feedback, das der P Zero Road dem Piloten liefert. Als Fahrer verliert man so zu keinem Zeitpunkt das Gespür für den Untergrund und die Fahrbahnsituation, es wäre – sehr überspitzt formuliert –, als würde der Reifen mit einem reden. Das sorgt für Berechenbarkeit und Vertrauen und passt perfekt zum Charakter des P Zero Road, der ein verlässlicher Partner im Alltag sein will.
Alles tutti? Fast. Das Einlenkverhalten ist zwar unauffällig mit passiver Tendenz, doch in knackigen Kurven hätten wir uns bei hoher Geschwindigkeit noch mehr Bodenhaftung gewünscht. Aber vielleicht wäre das auch zu viel verlangt. Hier wird auszuprobieren sein, wie sich der P Zero Race verhält, auf den das Anforderungsprofil einer rasanten Abfahrt besser zugeschnitten ist. Angst muss man dennoch keine davor haben, dass der P Zero Road mal ausbricht. Das ständige Feedback signalisiert dem Fahrer sehr deutlich, wenn es dem gutmütigen Allrounder zu Action geladen wird.

Fazit

Gutmütiger und geschmeidiger Trainingsreifen mit Komfortreserven, der in puncto Rückmeldung kaum einzuholen ist. Die vom Hersteller beworbene lange Lebensdauer muss erst ein Langzeittest verifizieren. Den Preis von 39,90 Euro betrachten wir für einen Reifen dieser Klasse als fair. Der Italiener hat nach unseren ersten Praxiseindrücken das Potenzial, Schwalbe und Continental zu ärgern. Ob er oder sein schneller Bruder P Zero Race mit dem Schwalbe Pro One und dem Continental GP 5000 tatsächlich mithalten können, wird erst der Prüfstand zeigen. Auf das Wettrennen können sich Rennradfahrer auf jeden Fall freuen können.